Es ist eine Woche her, da hat Russlands Außenminister Sergej Lawrow dem Moskauer „Ersten Kanal“ ein ausführliches Interview gegeben. Es ging darin um das russisch-amerikanische Verhältnis. Lawrow legte dar, warum die mit den USA ausgehandelte Waffenruhe für Aleppo gescheitert sei.

Zwei Kernpunkte der Vereinbarung –  die Trennung der radikalen Dschihadisten der Nusra-Front von den „gemäßigten“ Rebellen sowie die Öffnung der Castello-Straße, über die Hilfsgüter nach Ost-Aleppo kommen könnten – seien nicht umgesetzt. Die Schuld liege bei den Amerikanern. Diese hätten aber für das Scheitern „keinen konkreten Grund, sondern einen abstrakten genannt – Russland wolle Kampfhandlungen nicht stoppen, unter denen Zivilisten leiden.“

Kein Interesse an humanitären Konsequenzen

In der Wortwahl Lawrows zeigt sich die ganze Kluft zwischen Moskau und dem Westen. Da gibt es also „konkrete“ Fragen und „abstrakte“ – und dass unter russischen Luftschlägen und denen von Russlands Schützling Baschar al-Assad täglich Zivilisten leiden und sterben, das gehört ins Reich des Abstrakten. Der Interviewpartner hat auch nicht weiter danach gefragt. Die humanitären Konsequenzen von Russlands Handeln in Syrien interessierten ihn nicht im Geringsten.

Auch freiere russische Medien haben kaum Interesse an dieser Frage, ebenso wenig wie die russische Opposition. Es wird in Russland zwar viel über Syrien geredet und geschrieben, aber stets unter der Perspektive, was das für Russlands Verhältnis zu Amerika, also für Russlands Weltmachtstatus bedeutet.

Es ist, als würde fern im Pfefferland gekämpft, wo statt Menschen nur zwei abstrakte Spezies wohnen, die Guten und die Bösen. Die Bösen werden mit Russlands Hilfe täglich weniger. Nach Auskunft der russischen Armee hat sie bereits 35.000 „Terroristen“ getötet. Dass da auch der eine oder andere unbeteiligte Zivilist getötet worden sein muss, wird – allerdings sehr lustlos und in allgemeinen Formeln – abgestritten.

Russlands Militärinterventionen unterliegen, wie auch die Interventionen westlicher Staaten, vielen Einschränkungen – aber eine für fremdes Leid empfindsame Öffentlichkeit gehört nicht dazu. Deshalb kann man in Moskau den Sturm der Empörung, der sich im Westen gegen das russische Vorgehen in Syrien erhebt, nicht verstehen.

Künstliche Entrüstung?

Warum sollte etwas, was daheim niemand interessiert, in Berlin, London oder Paris die Gemüter erregen? Vom Kreml aus betrachtet, wirkt die Entrüstung wie von wendigen Politikern künstlich geschürt, um andere Ziele zu verfolgen.

Nun ist es in der Tat merkwürdig, dass sich das westliche Mitgefühl wie ein Lichtkegel stets auf einen recht kleinen Flecken der Welt richtet. Derzeit wird Ost-Aleppo grell beleuchtet, die Opfer jenseits des Lichtkegels sieht man nicht. Die moralische Empörung des Westens, so will uns die Kreml-Propaganda zu Aleppo weismachen, ist geheuchelt, weil sie beschränkt ist.

Aber dieser Einwand trägt nicht weit. Mitgefühl ist ja immer konkret, es kann sich nicht anders manifestieren als an konkretem Leid. Man muss sich nicht rechtfertigen, wenn man gerade in diesen Tagen sein Augenmerk auf Ost-Aleppo richtet und nicht zugleich auf alle Kinder in Not auf der ganzen Welt.

Das Problem ist ein anderes: Was folgt aus diesem Mitgefühl für unsere Politik? Für unsere Handlungen – oder Unterlassungen – müssen wir uns später einmal verantworten, und es reicht nicht, gutes zu wollen. Die Geschichte der jüngsten humanitären Interventionen des Westens ist eine Geschichte dessen, wie man es nicht machen soll.

Putins Pattsituation

Mit humanitären Argumenten hat der Westen in Libyen eingegriffen, aber den Menschen dort hat das nicht geholfen, und der Staat ist zerfallen. Wer jetzt Flugverbotszonen in Syrien fordert so wie einst in Libyen, der muss sich fragen, wie dieses Verbot durchzusetzen wäre gegen die Armee Russlands.

Eine große Ratlosigkeit hat sich breitgemacht. Sie ist auch die Folge der russischen Militärintervention. Wladimir Putin hat in Syrien eine Pattsituation geschaffen, in der nichts mehr ohne Moskau geht. Dass US-Außenminister John Kerry sich am Samstag – nur einen Tag nach der Zerstörung der letzten Unfallklinik Ost-Aleppos durch russisch-syrische Luftschläge, wie Ärzte ohne Grenzen meldete – schon wieder mit Sergej Lawrow traf, zeugt davon.

Die USA sind derzeit ohnmächtig, und in Moskau ist das Anlass zu großem Stolz. Der Kreml hat aller Welt bewiesen, dass ohne Russland kein Frieden in Syrien möglich ist. Er muss jetzt nur aufpassen, dass er nicht den Beweis nachliefert, dass auch mit Russland kein Frieden in Syrien möglich ist.