Millionen Wahlberechtigte haben sich bereits per Briefwahl entschieden. Da die CDU/CSU fast alle Direktmandate, aber mitnichten die absolute Mehrheit erringen wird, kommt es sehr darauf an, wem Sie als Wählerinnen und Wähler Ihre Zweitstimme geben. Es geht dabei um Taktik, aber auch um diese Frage: Welche Parteienkonstellation, welche Personen wollen Sie stärken? Wer zum Beispiel im rundum besonderen Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg abstimmt, kann den CDU-Kandidaten wählen, real aber müssen jeder und jede überlegen, ob sie der ziemlich wilden Direktkandidatin Canan Bayram (Grüne) zur Mehrheit verhelfen oder lieber dem eher realpolitisch aufgelegten Pascal Meiser (Linke). Zwischen diesen beiden wird das Rennen entschieden. Das steht fest. In Steglitz-Zehlendorf ist man einer solchen Wahlqual enthoben.

Der politische Streit der vergangenen Wochen war nicht langweilig. Auch wählen wir keine „abgehobene Politikerkaste“, die vom normalen Leben keine Ahnung hätte. Vergleichen wir unsere politischen Repräsentanten mit denen anderer europäischer Staaten, können wir durchaus zufrieden sein. Alles in allem machen sie ihre Arbeit gut. Wir, das Volk, brauchen das rechtlich normierte, an die Prinzipien der Gewaltenteilung gebundene Verfassungsorgan Deutscher Bundestag. Ohne diese Form des Interessen- und Konfliktausgleichs wären wir aufgeschmissen, Populismus, Willkür, Faustrecht, Mord und Totschlag hilflos ausgesetzt.

Gleichgültigkeit gegenüber einem Gemeinwesen

Folglich ist der Wahlakt sehr viel mehr als die Stimmabgabe für diesen oder jene; es geht nicht allein um Prozente. Am kommenden Sonntag präsentiert sich das Volk nicht als trotziger, gerne beleidigter, ewig launischer Haufen, sondern als Rechtsgemeinschaft. Mit der formalisierten freien, gleichen und geheimen Wahl bekennen wir uns – bei allen Gegensätzen und Unterschieden – zu den einigermaßen kontrollierbaren und friedlichen Verfahren der Republik. Wer nicht wählen geht, redet sich ein, es sei sowieso egal, wer „da oben“ säße. In Wahrheit demonstriert der Nichtwähler Gleichgültigkeit gegenüber einem Gemeinwesen, das ihm täglich einen berechenbaren Lebensrahmen, Freiheit, Chancen und Schutz sichert.

In Berlin wird auch über das Ende oder den möglichen Weiterbetrieb des Flughafens Tegel abgestimmt. Ich gönne den Tegelern, Spandauern, Weddingern, Reinickendorfern und Pankowern Ruhe, bin aber selbst weder vom Ja noch vom Nein betroffen. Doch werde ich aus prinzipiellen Gründen für das Aus von Tegel votieren. Mich empören das plebiszitäre Vorgehen der FDP und das opportunistische Hinterherdackeln der Berliner CDU. Es verstößt gegen die guten Sitten der Verfahrensdemokratie. Wobei die Vorreiter dieser Initiative nur darauf zielen, West-Berliner Gewohnheitsmenschen für ihren parteipolitischen Erfolg bei den Bundestagswahlen zu gewinnen.

Der Vorsitzende der FDP, Christian Lindner, findet, dass derartige Ja-Nein-Plebiszite der demokratischen Kultur schaden. Diesem Wissen zum Trotz benutzt er das von ihm für falsch erachtete Mittel für sein höchst anerkennenswertes Ziel „Rückkehr in den Bundestag“. Das finde ich schäbig. Egal wie Sie entscheiden, liebe Leserinnen und Leser, die Tegelfrage ist ein Grund mehr dafür, dass Sie am kommenden Sonntag wohlerwogen wählen.