Für eine Parteivorsitzende gibt es zwischen zwei Wahlen nur eine Währung, die zählt. Das sind die Umfragen. Erstmals seit vielen Jahren verliert Angela Merkel. Die Zustimmung zu ihrer Politik sinkt. Sie wird kritisiert – von ihrer eigenen Partei. Kanzlerdämmerung?

Seit Angela Merkel für die Flüchtlinge an der ungarischen Grenze den Weg nach Deutschland frei gemacht hat, wird sie angefeindet. Der Vorwurf: Sie hätte wissen müssen, dass sich daraufhin ein nicht endender Flüchtlingsstrom in Bewegung setzt. Nein, hätte sie nicht.

Und alle Besserwisser, die heute glauben, genaue Voraussagen treffen zu können, haben es nicht gewusst. Jedenfalls nicht gesagt. Was auf dasselbe rauskommt.

Schon werden Vergleiche angestellt mit dem Niedergang des SPD-Kanzlers Schröder vor zehn Jahren. Sein Ende war besiegelt, als seine Partei nicht mehr hinter ihm stand. Aber der Vergleich hinkt. Schröder hatte einen kalten politischen Plan. Er glaubte angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen, das Land nur mit grundlegenden Wirtschafts- und Sozialreformen wieder fit zu machen. Schröder war allein. Verlassen von der Gesellschaft, den Kirchen, den Gewerkschaften - und seiner Partei. Am Ende klatschten nur noch die Großindustrie und die FDP Beifall.

Das "freundliche Gesicht"

Merkel steht heute mit ihrem „freundlichen Gesicht“, das sie den Flüchtlingen zeigt, in der Mitte der Gesellschaft. Sie wird jetzt für etwas kritisiert, was man jahrelang von ihr gefordert hat. Sie hat sich einem Problem gestellt und entschieden. Sie hat nicht abgewartet bis es sich von allein löst. Sie hat nicht andere vorgeschickt. Sie hat gehandelt.

Das provoziert, das schafft Reibung, das tut weh. Und genau das wollte ihre Partei nicht. Sie fühlte sich wohl in Merkels daunenweich verpackter Politik.

Was heißt das für Merkel? Noch vor wenigen Wochen schien völlig klar – Merkel tritt bei der nächsten Wahl wieder an. Wenn ihre Partei so weitermacht, ist das gar nicht mehr so sicher.