Berlin - Um 13 Uhr geht es los, auch in diesem Jahr werden viele Tausend Menschen und gefühlt ebenso viele Dezibel erwartet beim sogenannten Zug der Liebe, einem Open-Air-Rave, der wie einst die Loveparade durch Berlin ziehen will, auf den Lkw riesige Boxen, dahinter zu Techno tanzende Menschen. Das ist aber schon die einzige Gemeinsamkeit mit der Loveparade, der Berliner Mutter aller Technoparaden, die mit einem tragischen Unglück 2010 in Duisburg ein Ende fand mit  Toten und Verletzten.

Mit purem Hedonismus bewegt man heute nichts mehr, auch keine Raver übers öffentliche Straßenland. Was bei der Loveparade als schierer Selbstzweck noch funktionierte, würde heute altbacken bis peinlich wirken. Die Zeiten sind nicht mehr so behaglich wie zum Ende der 1980er-Jahre, als es ausreichte, einfach nur Spaß haben zu wollen, um die Massen zu mobilisieren. Gegen Rassismus und Ausgrenzung, für Solidarität und Toleranz will der „Zug der Liebe“ an diesem Sonnabend sein und erreicht so, was der Loveparade immer verwehrt blieb: den Status einer politischen Demonstration, Tiefgang inklusive.

Viele Menschen werden sagen, dass man mit einem Partyzug durch die Gemeinde noch nie viel erreicht hat, und den meisten Teilnehmern beim „Zug der Liebe“ wird es vermutlich auch relativ egal sein, aus welchem Grund sie einen hübschen Samstagnachmittag haben sollen, so lange es laut und lustig wird. Und wenn dem so ist – na und? Eine Demonstration, die für eine gute Sache wirbt, ist doch grundsätzlich zu verteidigen, da spielt  es doch am Ende überhaupt keine Rolle, ob nun alle Teilnehmer von den Ideen der Veranstalter wissen oder gar zu 100 Prozent überzeugt sind. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur, dass der „Zug der Liebe“ keine hohle Konsumveranstaltung ist, sondern eine echte Demonstration. Dass diese heute nicht mehr verbissen daherkommen müssen, ist der Zeit geschuldet. Es gibt nun wirklich Dinge, die zwiespältiger sind als Tanzen für den guten Zweck.