Besonders war das deutsch-russische Verhältnis immer. So erinnert der Berliner Alexanderplatz an den Besuch von Zar Alexander I. Damals, 1805, verbündeten sich Russland und Preußen gegen Frankreich und verzögerten so ihre langen Wege nach Westen. Allerdings brachte der Westen nicht nur Gutes, denn später befeuerten auch französischer und deutscher Revolutionarismus Gewalt und Massenmordtaten in der Sowjetunion.

Warum Angela Merkel ausgerechnet Katharina die Große als Leitbild auf ihrem Schreibtisch postiert, bleibt rätselhaft: Die im anhaltischen Zerbst geborene Zarin machte Russland mit zig Kriegen zur imperialen Großmacht. Gemeinsam mit Friedrich dem Großen teilte sie Polen – eine Untat, die bis zum Hitler-Stalin-Pakt nachwirkte. Anders als Merkel hat Wladimir Putin Gründe, sich auf Katharina zu berufen. Sie eroberte die zuvor die osmanische Krim.

Heute sehen wir betrübt, wie viel Korruption und Cliquenwirtschaft in Russland herrschen, dass politische Morde verübt werden und ungesühnt bleiben, rechtsstaatliche Garantien faktisch fehlen. Viel zu viele Männer sterben viel zu früh am Suff; Millionen Menschen finden nicht das ihnen mögliche Glück – trotz aller Reichtümer, über die dieses Land verfügt. Zugleich bejubeln wir wunderbare russische Musiker in Berlin – sei es beim Kammermusikfestival „intonations“ des Jüdischen Museums, im Piano Salon Christophori oder bei den Berliner Philharmonikern mit Kirill Petrenko. Viele haben ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Unter Schmerzen träumen sie: „Denk‘ ich an Russland in der Nacht, / Bin ich um den Schlaf gebracht …“

Ein Dank an die Soldaten der Roten Armee

Derzeit fühlen sich unsere Regierenden und Meinungsführer den politischen Repräsentanten Russlands moralisch himmelhoch überlegen. Jedenfalls treten sie so auf, vorneweg mit strammem Täterätä Außenminister Heiko Maas (SPD). Sie wollen vergessen machen, wie sehr Deutschland im Zweiten Weltkrieg zum andauernden Unglück Russlands beitrug. Was immer Moskau mit Recht vorgeworfen werden kann, so steht doch eines fest: Russland wollte niemals Deutschland und die deutsche Kultur auslöschen. Aber genau das – ausrauben, ausrotten und germanisieren – wollten Millionen deutscher Soldaten und deren Anführer, als sie 1941 in die Sowjetunion einfielen. Sie vernichteten Russen und Juden, Ukrainer, Kirgisen, Usbeken – einfach alle, die ihrem großgermanischen Projekt im Wege standen.

Mein Vater war ein kleiner kaufmännischer Verwaltungsangestellter der Hitlerjugend und Reserveleutnant des Infanterie-Regiments 12 (Halberstadt). Im Februar 1943 wurde er nach sechs Wochen Ostfront in der ersten Schlacht schwer verwundet. Er hatte keine Gelegenheit dazu, etwas besonders Böses zu tun. Aber wie dachte er? Kurz bevor er Richtung Kursk aufbrach, fragte er meine Mutter, ob sie ihm nach Saratow folgen würde. Man habe ihm dort eine gehobene Stelle in Aussicht gestellt. Saratow liegt 400 Kilometer nördlich von Stalingrad. Die Deutschen haben es nie erobert. Dafür geht mein spezieller Dank an die Soldaten der Roten Armee.

Was wäre aus mir, aus uns geworden, wenn Hitlerdeutschland diesen Krieg gewonnen hätte? Ein fürchterlicher Gedanke! Machen wir die totale deutsche Kapitulation in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 zum Fest der Freundschaft und des Mitgefühls – zum Berliner Feiertag!