Berlin - Berlin hat eine kollektive Hochhausneurose. Ohne Türme sind wir keine richtige Metropole – das wird nicht erst seit dem Fall der Mauer behauptet, sondern schon seit wenigstens den 1920er-Jahren. Zwar wurde schon damals festgestellt, dass man die allermeisten Zwecke, die  mit Hochhäusern zu erreichen sind, viel einfacher, billiger und effizienter auch mit vier bis sechsgeschossigen Gebäuden erreicht.

Weder damals noch jemals nach 1945 gab es in Berlin einen wirtschaftlichen Druck auf die Grundstücke, der Hochhäuser wie in New York, Chicago, Schanghai oder London sozusagen aus dem Boden gepresst hätte. Dennoch war es in Ost- wie in West-Berlin selbstverständlich, Hochhäuser vor allem im Innenstadtbereich zu bauen. Als Signale, dass der Sozialismus oder der Kapitalismus siegen würden.

Dafür opferte man gerne den Innenstadtgrundriss und manch erhaltenswerte Bausubstanz. Auch nach 1990 wurde weiter vom Hochhaus geträumt. Gebaut wurde weniger, denn die Wirtschaftskraft gab es ja immer noch nicht, und der subventionswillige Staat fiel nun aus. Trotzdem fehlte es nicht an utopischem Gestaltungswillen. Der Alexanderplatz etwa sollte, so sah es der Wettbewerbsentwurf von Hans Kollhoff von 1993 vor, zu einer Art Berliner Rockefeller-Center werden. Allerdings fehlte der Rockefeller zum Center.

Am Rand der Kapazität

Das muss man bedenken, wenn es jetzt um die Aufregung geht, die Bausenatorin Lompscher mit ihrer Forderung ausgelöst hat, am Alexanderplatz nur maximal 130 Meter hohe Türme zuzulassen. Sicherlich wäre eine Skyline hier ganz nett, die an Schanghai, New York oder wenigstens Frankfurt am Main anschlösse. Aber es fehlt der breite Fluss, über den man diese Skyline sehen kann. Außerdem bestätigt Lompscher nur das Ergebnis des Wettbewerbs von 1995 – die staatlichen, vom Parlament einzig legitimierten Planungen seither.

Die Hochhausfans können sich nur auf ihre eigenen Interessen berufen! Und: Gibt es denn überhaupt Investoren, die ausgerechnet hier höher hinaus wollen? Was brächte das der Gesellschaft außer noch mehr Verkehr in U- und S-Bahnhöfen, die schon jetzt am Rand der Kapazität arbeiten? Vor allem: Brauchen wir Hochhäuser, um unsere städtischen Probleme zu lösen? Die Probleme jenseits der Neurose, meine ich.