Manchmal muss man die Schönheit suchen. Am Alexanderplatz, wo der Mensch zwischen Beton, Glas, wieder Beton und den schrillen Schriftzügen der Ladenketten, viele in Orange, auf die Größe einer Taube schrumpelt, wohnt sie am Brunnen und unter der Weltzeituhr. Die Kaufketten haben den Platz im Griff, ich denke das Wort „Kettenkolonialismus“, als ich wieder einmal feststelle, dass dieser Platz eigentlich ein Anti-Platz ist. Weil man fast nirgends sitzen kann. Oder einfach so stehen. Das verbindet ihn mit den Bahnhöfen.

Die Menschen verschwinden am Alexanderplatz hinter den Tüten von Kaufketten

Am Brunnen kann man sitzen und viele tun es. Sie bilden einen Kreis der Muße zwischen dem Taubengeschwirr und -gepicke und dem Leutegewirr rundherum. Das Sitzen auf den Treppenstufen vor den Ladenketten zählt nicht als Verweilen, denn die großen Tüten voll mit Schnipp und Schnäppchen erzählen von Rastlosigkeit und Raffen. Die Menschen verschwinden dahinter.

Weil es keine Cafés gibt am Alex verabreden sich viele an der Weltzeituhr. Da muss man zwar stehend warten, aber es fühlt sich gar nicht wie Warten an. Anderswo ist es ja noch sehr früh. Das beweist ein Blick nach oben – und dass es auch hier, zwischen Glas und Beton, Farben gibt. Der Regenbogenzahlenstreifen öffnet die Augen für alles andere Bunte. Die Tiere und Pflanzen auf dem Brunnenfries. Das Megablau des Himmels, zumindest an diesem Nachmittag.

Der Alexanderplatz von Döblins Zeiten ist lange her

Überhaupt, der Himmel. Er macht viel wett an Plätzen, deren Schönheit sich versteckt. Verdeckt wurde, zubetoniert und beschriftet vom Wahnsinn der Dinge, die wir viel weniger brauchen als Himmel und Schönheit. Überdeutlich wird das, wenn man das sonnenbrandfarbene Einkaufszentrum ein Stück entfernt vom Platz betritt, Alexa heißt es, als sei es die Zwillingsschwester. Dabei besteht die einzige Ähnlichkeit darin, dass auch dort die Ketten herrschen. Sitzplätze gibt es satt, dafür aber keine Luft und kein Licht. Nur Strahler, Leuchten und Ge-blinke. Überall riecht es nach Parfum. All das zusammen genommen erklärt, warum alle irgendwie fertig aussehen, wenn sie das Gebäude verlassen. Abgekämpft.

Eine Runde durch Alex’ Nachbarin reicht, um den Platz küssen zu wollen für seine Weite. Für die Helligkeit, deren Farbe sich gerade ändert, weil sich eine Wolke sehr gemächlich an der Sonne vorbeischiebt. Für das Klingeln der Tram, die einen über das Gleis schlurfenden Kopfhörer mit Teenager drunter auf sich aufmerksam macht. Für die Tauben, die das Klingeln auch hören und davontippeln. Die eine in Richtung Weltzeituhr, die andere Richtung Brunnen.

Ein Windstoß rupft an einer Damensonnenmütze. Die Besitzerin hält sie fest und ich denke: Wenn die Frau ein Mann wäre und die Mütze ein Hut, wäre das ein richtiger Döblin-Moment. Wegen Döblin bin ich das allererste Mal hierher gekommen. Ach, Alex… Lange her. Und eine andere Geschichte. Auch sie handelt von der Suche nach der Schönheit. Fortsetzung folgt.