Bei der Beobachtung von Anis Amri habe ein einfacher Grundsatz gegolten, so erklärte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen wenige Wochen nach dem Anschlag am Breitscheidplatz: „keine Doppelbearbeitung“. Die Polizei habe Amri im Visier gehabt. Also habe sich der Geheimdienst rausgehalten. Fortan schwieg die Behörde zu dem Fall: Man habe keine eigenen Erkenntnisse. Die öffentliche Debatte konzentrierte sich stattdessen auf das Versagen des Berliner Landeskriminalamts.

Doch die Hinweise verdichten sich: Entweder ist die Ahnungslosigkeit des Geheimdienstes eine Legende. Oder das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat es geradezu sträflich vernachlässigt, Erkenntnisse zu Amri zu gewinnen. Denn wie Recherchen mehrerer Medien ergeben haben – der „Welt“, des RBB und der „Berliner Morgenpost“ –, hatte der Verfassungsschutz einen V-Mann in Amris unmittelbarem Umfeld. Der Mann lieferte Erkenntnisse aus der Fussilet-Moschee in Moabit, die Amri besuchte. Monatelang. Auch in der Zeit unmittelbar vor dem Anschlag.

Maaßens Behörde hat die Existenz dieser Quelle nicht nur dem Bundestag verschwiegen. Wie ein jetzt bekannt gewordenes Dokument zeigt, hat auch der Präsident selbst offenbar darauf hingewirkt, dass die Angelegenheit keine Kreise zieht. „Ein Hochkochen muss unterbunden werden“, heißt es in einem internen Dokument. Maaßen bekam es zur Vorbereitung auf ein Gespräch mit Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) – dieser dementiert jegliche Kenntnis von der Angelegenheit.

Drei Untersuchungsausschüsse befassen sich mit dem Anschlag. Wenn sie ihre Aufgabe ernst nehmen, müssen sie die Schweigestrategie des BfV durchbrechen. Sie müssen genau das tun, was der Geheimdienst verhindern möchte: die Angelegenheit hochkochen und den heiklen V-Mann-Einsatz aufklären.

Wurde der V-Mann bewusst ferngehalten?

Lieferte der Mann Erkenntnisse über Amri, die das BfV bis heute zurückhält? Das wäre ein Skandal, der Maaßen sein Amt kosten könnte.

Oder kannte er Amri tatsächlich nur vom Sehen, wie das BfV behauptet? Dann stellt sich die Frage, warum er nicht angewiesen wurde, mehr über den späteren Attentäter in Erfahrung zu bringen. Das BfV wusste, dass Amri zeitweise als wichtigster Gefährder in der Hauptstadt galt. Es wusste auch, dass die Polizei ihn ab Mai 2016 nicht mehr beobachtete. Es müsste also eine bewusste Entscheidung gewesen sein, den V-Mann von Amri fernzuhalten.

Erschienen andere Fussilet-Beobachter gefährlicher? Gab es ein Interesse, Amri gewähren zu lassen? Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, die Gründe für das Versagen der Sicherheitsbehörden zu erfahren. Maaßen muss reden.