Zwei Männer stehen Seite an Seite in stiller Trauer. Sie stehen da für zwei Nationen, und sie erinnern daran, was deren Angehörige einander angetan haben. Plötzlich reicht der eine dem anderen die Hand. Die Geste der Versöhnung von Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 auf einem Soldatenfriedhof in Verdun hat Geschichte geschrieben. Ob sich so etwas an diesem Dienstag wiederholt?

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavusoglu kommt nach Düsseldorf und Solingen, wo politische Repräsentanten der Stadt, des Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundes des rechtsextremistischen Brandanschlags von Solingen am 29. Mai 1993 gedenken. Es soll ein Zeichen des Mitgefühls mit den Angehörigen der fünf Ermordeten sein, ein Zeichen auch der Scham und des Zorns über tödlichen fremdenfeindlichen Hass. Es könnte auch ein Signal der Solidarität zwischen Türken und Deutschen werden; zwischen Eingewanderten mit ihren Nachkommen, von denen viele inzwischen deutsche Staatsangehörige sind, und den Menschen, denen sie in ihrem Herkunftsland nach wie vor verbunden sind.

Perverse Inanspruchnahme des deutschen Namens

Solidarität, Gemeinsamkeit – sie täten not. Die Täter, die vor 25 Jahren das Haus der türkischen Familie Genç anzündeten, griffen nicht allein die Bewohner an und trafen nicht nur „die Ausländer“, sondern attackierten die Fundamente, auf denen das Zusammenleben beruht – in dieser Gesellschaft, aber auch zwischen den Völkern: gleiche Würde aller, Menschlichkeit, Friedfertigkeit.

Doch es gibt die Sorge, dass das mögliche Bekenntnis dieser Grundwerte überlagert, ja ausgelöscht wird durch schrille Töne, Parolen, mit denen der Minister aus Ankara deutsche Bürgerinnen und Bürger türkischer Herkunft zu Fremden erklärt und ihnen das türkische Mutterland als wahre Heimat anempfiehlt. Dabei sind die fünf ermordeten Frauen und Mädchen die Toten beider Nationen. Wer sich der hiesigen Gesellschaft zugehörig fühlt, der wird Scham darüber empfinden, was hier in einer perversen Inanspruchnahme des deutschen Namens geschah.

Und wer sich als Angehöriger der türkischstämmigen Community oder sonst einer Minderheit den Opfern noch einmal in anderer Weise verbunden fühlt, wird eben diese Scham der Mehrheitsgesellschaft schätzen, ihr Mitgefühl und den festen Vorsatz, allen Menschen in diesem Land ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu gewährleisten. Doch wo es – wie in Verdun – einer gereichten und ergriffenen Hand bedürfte, drohen Gesten der Abwehr. Fantasien der Abstoßung, ja der Vernichtung, haben in Deutschland 25 Jahre nach Solingen nicht etwa abgenommen. Sie werden gezielt geschürt durch Politiker, die vorgeben, darüber bestimmen zu können, wer „in diesem Land nichts verloren“ hat und wer „nach Anatolien entsorgt“ gehört.

Die Kraft der Versöhnung 

Die Wachsamkeit gegenüber diesem Ungeist in der Mehrheitsgesellschaft muss einhergehen mit jener über die desintegrierenden Tendenzen in der migrantischen Community. Wenn dem türkischen Außenminister und seiner Regierung wirklich an seinen – wie das Regime in Ankara sie tituliert – Landsleuten in Deutschland gelegen wäre, müssten sie die türkisch dominierten Islamverbände endlich hier ankommen lassen und der Fernsteuerung ein Ende machen.

Mevlüde Genç ist um so vieles weiter als die politischen Scharfmacher und doppelzüngigen Verbandsfunktionäre. Die Mutter, Großmutter und Tante der fünf Ermordeten nennt Solingen ihre Heimat, und sie ist geblieben, obwohl ihr Heim bis heute bewacht werden muss. Um wie viel mehr gehört die Familie Genç zu Deutschland als die Irrwitzigen, die ihr das bestreiten wollen?

Genç unterscheidet zwischen den Tätern und „den“ Deutschen. Sie setzt auf die Kraft der Versöhnung und das Moment der Anteilnahme, das der deutsche wie der türkische Staat durch die Präsenz von Spitzenpolitikern am Jahrestag des Anschlags bekunden. „Ich bete dafür, dass wir alle gute Menschen sind, verzeihen können und tolerant sind“, hat Mevlüde Genç gesagt. Wenn es in diesem Land so etwas wie eine Leitkultur gibt, dann wäre sie von Mevlüde Genç zu lernen: eine Leitkultur der Humanität.