Der alljährliche Ansturm auf Flughäfen und Bahnhöfe hat begonnen und viele sind froh, das Schuljahr hinter sich zu lassen, insbesondere die Familien der John F. Kennedy Schule (JFK). Unser Schuljahr endete mit einem Paukenschlag: ein schockierender Fall von antisemitischem Mobbing, der in der Presse breite Aufnahme fand. In Zeitungen und Radiosendern wurde vor allem darauf hingewiesen, dass auch diese angesehene, internationale und „elitäre“ Schule nicht immun ist gegen Antisemitismus.

Die meisten meiner Kollegen hielten sich an die Fakten aus der Pressekonferenz der JFK und an die Erzählungen einer kleinen Gruppe von Schülern. Andere fügten erstaunliche Details hinzu. So wurde aus unserer Schule eine Institution, so vornehm, dass „vor dem Schultor […] hier und dort Chauffeure in schwarzen Limousinen darauf [warten], Schüler nach Hause zu fahren.“

In den zehn Jahren, in denen meine Kinder JFK besuchen, habe ich nicht einen einzigen Schüler in eine schwarze Limousine einsteigen sehen. Abgesehen davon, ist die Auffahrt zum Schultor durch eine Schranke versperrt.

Stereotyp vom antisemitischen Araber

Aber der Wille zur Charakterisierung der JFK als eine Schule der Reichen und Privilegierten war klar zu erkennen. Die Kinder der vermeintlich Privilegierten hätten es, im Gegensatz zu denen der sozial Schwachen, wohl besser wissen müssen.

In den Presseartikeln zur JFK wurde immer wieder betont, dass die mutmaßlichen Täter in diesem Falle nicht arabischer Abstammung waren. So sollte der Fall von den anderen Fällen von Antisemitismus, die in Berliner Schulen öffentlich geworden waren, unterschieden werden. Das Stereotyp des antisemitischen Arabers wurde also in umgekehrter Weise eingesetzt, und somit das Narrativ vom Mobber arabischer Abstammung verstärkt.

Religiöse Toleranz ist Teil des Lehrplans

Die Verstärkung dieses Mythos ist gefährlich, denn wir wissen, dass Mobbing nicht durch Klassenzugehörigkeit, Bildungsniveau oder Religion allein bestimmt wird. Der Anstieg von Antisemitismus in Berlin belegt die Richtigkeit von Studien, die bei in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kindern eine zunehmende Indifferenz und Unwissenheit den Holocaust betreffend feststellen.

Nichtsdestotrotz erinnere ich mich daran wie beim Singen von Weihnachtsliedern in den ersten Schuljahren meiner Söhne an der JFK neben „Lasst uns froh und munter sein!“ auch ganz selbstverständlich die Texte von Chanukka-Liedern ausgeteilt wurden.

Mein ältester Sohn fertigte einen Dreidel mit seiner Lehrerin an, und eine jüdische Mutter hat Latkes mit der Klasse meines Sohnes gebraten. Toleranz für andere Völker und Religionen hatten immer einen festen Platz im Lehrplan. Als meine Kinder älter wurden, waren altersgemäße Romane über den Holocaust selbstverständlicher Teil des Lehrplans.

Vorurteile gibt es überall

Die JFK ist ein Teil von Berlin und existiert nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Realität. Berlin ist zwar ein außerordentlich multikultureller Ort, Vorurteile und Intoleranz gibt es jedoch überall, wo Menschen verschiedener Klassenzugehörigkeit und ethnischer Herkunft getrennt leben.

Sicherlich wird nun mit Recht noch mehr Aufmerksamkeit auf Mobbing und Toleranz gerichtet werden. Aber dies wird nicht passieren weil die JFK eine Schule für Privilegierte ist, sondern weil dies dem Credo der Schule und ihren Prinzipien entspricht.