Vor einer Woche schrieb ich zum 80. Jahrestag der Flüchtlingskonferenz von Évian, abgehalten zur Rettung der existenziell bedrohten deutschen und österreichischen Juden. Ich pries den US-Präsidenten, Deutschland kam sehr schlecht weg, Polen, Rumänien und Ungarn standen am Pranger, und ich schrieb, dass seinerzeit „käufliche Schlepper“ nicht wenige Juden retteten.

Daraufhin bekam ich lobende Post von Leuten, die mich sonst nicht loben. Ein Leser meinte: „Herr Aly ist immer dann gut, wenn er sich nicht zur aktuellen Politik äußert, sondern auf seinem Fachgebiet als Historiker. Mit keinem Wort deutet er Parallelen zur aktuellen Situation an, und doch drängen sie sich auf. Ausgezeichnet und danke dafür!“

Die Ambivalenz in der Historie

Was soll ich dazu sagen? Ganz einfach: Der Bürger und der Historiker Götz Aly widmen sich unterschiedlichen Fragen. In der Kolumne trete ich mal so, mal so auf. Selbstverständlich rühme ich jeden Passfälscher, jeden Schlepper, der einst Juden aus akuter Todesgefahr rettete. Als Bürger der heutigen Bundesrepublik finde ich jedoch, dass den derzeit tätigen Schleppern und Passfälschern polizeilich entgegengetreten werden sollte.

Die faschistischen Staaten Italien, Spanien und Portugal begünstigten in den 1930/40er-Jahren die Durchreise – den „Asyltourismus“? – europäischer Juden. Wer das als Historiker feststellt, verherrlicht nicht den Faschismus, weißt aber auf eine Ambivalenz hin. Die „St. Louis“ durfte im Sommer 1939 mit 900 deutschen Juden an Bord weder in Havanna noch in einem Hafen der USA anlegen und musste nach Europa zurückkehren. Ich verstehe, wenn diese Geschichte heute im gesinnungsethischen Überschwang zitiert wird; ich verstehe einzelne Politiker, die auch damit – ohne darüber öffentlich zu sprechen – ihr nachsichtiges Handeln gegenüber Flüchtlingen motivieren. Aber als Historiker beharre ich auf den gravierenden Unterschieden zwischen der heutigen Flüchtlingsbewegung und der damaligen.

Beuth's Antisemitistische Zitate 

In meinem Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ habe ich 2011 die wichtigsten antisemitischen Zitate des bedeutenden preußischen Reformers Christian Peter Wilhelm Beuth in Umlauf gesetzt. Mit siebenjähriger Verspätung tun jetzt einige Historiker und Ingenieurwissenschaftler so, als hätten sie diese „bestürzenden“ Zitate soeben höchstselbst entdeckt, um sogleich wichtigtuerisch zu fordern, die Berliner „Beuth Hochschule für Technik“ müsse umbenannt werden.

Worum ging es mir? Für das Verständnis des deutschen Antisemitismus ist es von zentraler Bedeutung, dass dieser seine Wurzel eben nicht allein in den finstersten Ecken unserer Nationalgeschichte hat, sondern auch – und zwar besonders stark – in den guten, in den reformerischen.

Die "bessere Seite der Menschheit"

Antisemitisch aktiv waren eben auch Männer, auf die wir uns heute noch mit Recht berufen – berufen müssen, weil wir keine besseren haben! Dazu zählen Reformer wie Karl vom Stein und Friedrich List, Demokraten wie Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Franz Mehring, der Dichter Achim von Arnim und Caroline von Humboldt. Ich könnte Dutzende wohlklingende Namen anführen, auf die sich heutige Säuberungskommissare gewiss gerne stürzen würden.

Mit posttotalitärer Zwanghaftigkeit wollen sie das Ambivalente der deutschen Geschichte ausmerzen – getragen von der selbstverliebten Einbildung, sie stünden auf der besseren Seite der Menschheit. Von deutscher Geschichte und Judenfeindschaft haben sie jedoch nichts verstanden!