Berlin - Sind Sie schon einmal in Rostock-Laage abgeflogen? Dann wissen Sie etwa, was architektonisch möglich ist, selbst wenn nur eine einfache Kiste aus dem Computerablagefach der Flughafenplaner entstehen soll. In Rostock hat man sich nämlich wenigstens angestrengt, daraus so etwas wie Architektur zu machen. Ambitionierte Provinz eben.

In Berlin dagegen teilte uns der Geschäftsführer der Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH, Engelbert Lütke Daldrup, Ende vergangener Woche mit, dass er für den ersten Erweiterungsbau des noch gar nicht fertigen Flughafens eines auf gar keinen Fall wolle: eine Kathedrale des Verkehrs. Stattdessen soll eine kantige Blech- und Betonkiste mit offen liegenden Leitungen und simpelster Baukonstruktion entstehen, immerhin mit einigen Glasfronten, damit der Anstand gewahrt wird. Das ist Provinz reinsten Wassers.

Eine vertane Chance

Was für eine vertane Chance. Seit Jahren predigen die Bundesregierung, der Senat, und die Landesregierung von Brandenburg die Bedeutung der Baukultur. Sie haben dafür sogar eine eigene Stiftung Baukultur begründet. Offenbar werden deren schöne Publikationen aber nicht gelesen. Jedenfalls nicht von denen, die für den BER zuständig sind. 

Dabei kann kaum noch ein Kindergarten in der Bundesrepublik ohne Wettbewerb entstehen. Aber auf dem Flughafen der Bundeshauptstadt, wo mehr als 40 Millionen Menschen in jedem Jahr hinsehen werden, soll eine für dessen Funktion zentrale Halle für mehr als 100 Millionen Euro öffentlicher Gelder gebaut werden – schon jetzt ist klar, dass die Kalkulation angesichts der aktuellen Baukonjunktur nicht halten wird. 

Und zwar, ohne dass es irgendeine öffentliche Debatte über die Form dieser Halle gegeben hat, über die Bedeutung des Flugverkehrs in der nächsten Zukunft. Und was wird das für ein Signal absoluter kultureller und ökonomischer Unfähigkeit, wenn Berlin und Brandenburg die Gäste in einer Primitiv-Kiste verabschieden und empfangen. Die trotzdem 100 Millionen Euro kostet!

Eine gute Planung ist das A und O

Es geht nicht nur um Schönheit (wobei auch die ein Wert ist): Gute, spannende Architektur, die die Laune von der Eingangshalle bis zum Einstieg hebt, macht auch das Portemonnaie auf für all das, was man an Flughäfen eben so kaufen kann. Das ist eindeutig bewiesen. Deswegen entstanden all die faszinierenden Flughäfen in Lissabon oder Madrid, Athen oder München. In der Halle T 1 von BER dagegen werden die Menschen nur eines wollen: Raus aus der Kiste. Lütke Daldrup ist also drauf und dran, auch noch Einnahmemöglichkeiten der Flughafengesellschaft zu verbauen.

Wohlgemerkt, hier handelt jemand, der weiß, welche Bedeutung gute Architektur hat und wie man sie vorbereitet: durch Wettbewerbe nämlich. Lütke Daldrup weiß auch, dass gute Planung, gute Vorbereitung letztlich Geld und Zeit sparen, nicht verschwenden. Er hat es in Berlin unter Hans Stimmann gelernt, in Leipzig als Baustadtrat trainieren können, im Bundesbauministerium gepredigt. 

Kein Signal für den Aufbruchsgeist

Wo immer in den vergangenen 25 Jahren über die Bedeutung von Baukultur im breitesten Sinn des Wortes debattiert wurde: Lütke Daldrup war dabei. Und jetzt kommt er hier mit der windigen Begründung, man habe genug von „Kathedralen“. Wo ist denn die „Kathedrale“ im Entwurf für BER? Die BER-Bauherren haben das Büro von Gerkan, Marg und Partner, dem Berlin auch den herrlichen Flughafen Tegel verdankt, das in der ganzen Welt faszinierende Flughäfen entworfen hat, in eine strenge Rasterarchitektur gezwungen. Sie soll angeblich besonders ökonomisch, angeblich preußisch-schinkelsch-rational sein. Mag sein. Eins ist sie jedenfalls nicht: kathedralenhaft.

Dabei wäre genau eine solche Geste das richtige Signal für den Aufbruchsgeist von Berlin. Der Flughafen London Stansted ist erst attraktiv geworden, als er die herrliche offene Halle von Norman Foster erhielt. Oslo Gardermoen besticht mit seiner eleganten Holzkonstruktion. Berlin aber vergibt zitternd im BER-Trauma die Chance, wenigstens den Erweiterungsbau zu einer Sensation zu machen, die weltweit für positives Aufsehen sorgt.