Für eine gute Pointe, so heißt es in London halb bewundernd, halb verächtlich immer wieder über Boris Johnson, für eine gute Pointe mache Boris alles.  Das freilich muss man ihm wirklich lassen: Auch diese Pointe ist ihm gelungen. Der Mann, der im ganzen Königreich, der in der Europäischen Union und auf den Weltfinanzmärkten für das Erdbeben namens Brexit gesorgt hat, dieser Mann mag nicht mitmachen, wenn es darum geht aufzuräumen. Boris Johnson will nicht Tory-Chef und nicht britischer Premierminister werden. Johnson mag die Verantwortung für den Schlamassel, den er angerichtet hat, nicht übernehmen.

Johnson ist ein charismatischer, exzentrischer, selbstbezogener, narzisstischer Mensch. Das konnte jeder sehen und wissen, der seinen Aufstieg und seine Politik in den vergangenen Jahren verfolgt hat. Johnson war für einige Jahre Bürgermeister der Weltmetropole London. Er hat in dieser Zeit vor allem mit windigen Drahtseilakten vor den internationalen Kameras und mit einer Fahrradkampagne auf sich  aufmerksam gemacht. Geprägt oder verändert hat er seine Stadt nicht. Größere Erfolge sind nicht bekannt geworden, größerer Misserfolge  allerdings auch nicht. London wuchs und wucherte ganz ohne sein Zutun wie eh und je. Zu Johnsons Gunsten muss man  einräumen, dass ein Londoner Bürgermeister nicht wirklich großes politisches Gewicht und kaum Entscheidungsspielräume hat.

Für den Brexit hat Johnson allein deshalb geworben, weil er dadurch seinem Rivalen aus Studentenclubtagen, dem zugegeben oft faden, aber immerhin so seriösen wie fleißigen Premier David Cameron schaden konnte. Bezeichnend ist, dass  Johnson in seinem exorbitant gut bezahlten Nebenjob als Zeitungskolumnist zwei Brexit-Votum-Versionen verfasste hatte – eine pro und eine kontra EU-Ausstieg. Erst in der letzten Minute entschied er sich, welche er veröffentlichen und für welche Version er dann auch kämpfen würde.

Johnson geht es nicht um Inhalte. Es geht ihm ums Risiko und ums Gewinnen

Boris Johnson ist ein Spieler. Ihm geht es nicht um politische Inhalte, es geht ihm ums Risiko und ums Gewinnen. Gerade noch rechtzeitig und wohl befördert durch eine parteiinterne Intrige hat er offenbar erkannt, dass  ab sofort nicht mehr gezockt wird und seine Partie  zu Ende ist.
Denn seit dem Referendum wird sowohl bei den Gesprächen mit den EU-Verantwortlichen als auch zu Hause in Großbritannien ein Premier gebraucht, der in der Lage ist, überlegt zu agieren und zu liefern.

Gebraucht wird einer, der Verantwortung tragen will, einer der nicht zuallererst an sich, seine Berühmtheit, seinen Beifall, sein Fortkommen denkt, der nicht nur selbstverliebte Schlagzeilen, sondern der ernsthafte Politik machen kann. Einer, dem an der Prosperität und dem Ansehen seines Landes und auch an Europa gelegen ist. Einer, der weiß, dass sein Handeln auf großer politischer Bühne eben kein Spiel ist, sondern dass Politik Folgen hat für viele Millionen Menschen und – es klingt groß, aber es ist doch wahr – möglicherweise  den Lauf der Geschichte prägt.

In Europa kann man erleichtert sein

Großbritannien braucht einen neuen Premierminister oder eine neue Premierministerin. Zum Glück, das kann man nun trotz aller Empörung über Johnsons Verantwortungslosigkeit sagen, zum Glück wird es nicht dieser Populist werden. Johnsons überraschender Abgang macht den Weg frei für einen anderen Politikertypus. Noch ist nicht klar, welcher Tory am Ende das parteiinterne Wahlverfahren gewinnt. Sicher ist, dass jeder der Kandidaten mehr Erfahrung hat, mehr Ernsthaftigkeit mitbringt und weniger polarisiert als Johnson. Für die britischen Wähler schwindet sicherlich der Unterhaltungswert der Politik. Aber dass der Spaß vorbei ist und mit Gags keine Zukunft zu gestalten ist, das wissen die meisten spätestens seit dem vergangenen Freitag, als  sich das Land von der EU abwandte. Alle anderen haben es hoffentlich mit Johnsons wunderlichem Rückzug verstanden.

In Europa kann man ebenfalls erleichtert sein. Wie auch immer die Engländer, Schotten, Nordiren sich in den kommenden Wochen entscheiden werden, ob es Unterhauswahlen gibt oder  Abspaltungsreferenden: Fest steht, dass sich die Brüsseler Verhandler nun eher darauf verlassen können, dass die Gesprächspartner von der Insel sich der Größe ihrer Aufgabe bewusst sind und überlegt handeln.

Und auch das ist das Schöne am hoffentlich letzten Coup des Boris Johnson: Er entlarvt die Populisten dieser Welt als das, was sie sind: unzuverlässige, unberechenbare Akteure, denen man seine Stimme besser nicht gibt, wenn man wirklich Veränderung will.