Es ist ein Stoff, aus dem   Bestseller gemacht werden. Ein Stoff, der auch von einem der zahllosen Erfolgskrimiautoren unserer Zeit hätte stammen können. Verwegen, mitunter auch  ein klein wenig überdreht, aber für uns,  den von  innerer Unruhe bewegten Menschen des 21. Jahrhunderts, von enormer Spannung – weil eben offensichtlich auch denkbar.

Da das Opfer: ein Fußball-Bundesligist, der sich mit dem Gang an die Börse auch den Gesetzen ebendieser unterworfen hat; ein von Millionen Fans geliebter,   im vergangenen Jahrzehnt  sehr erfolgreicher  Profifußballklub von enormer Strahlkraft, der in Konkurrenz zu anderen  vergleichbaren Unternehmungen die Monetarisierung von Emotionen geradezu zwangsläufig auch als Geschäftsmodell versteht;   der aus dieser Gemengelage heraus gleichwohl vom  Bösewicht als ein leicht verletzliches und perfektes Anschlagsziel wahrgenommen wird.

Dort die Gesellschaft: Menschen, die die Detonation eines Sprengsatzes inzwischen reflexartig als Terrorakt des islamischen Staates oder einer rechtsextremen Gruppierung deuten; die auf ihren Smartphones oder am heimischen Computer gebannt Live-Ticker verfolgen, um ihrer bösen Vorahnung möglichst schnell eine beängstigende Gewissheit zu verschaffen; die sich beim Besuch einer öffentlichen Veranstaltung, sei es  ein Konzert, sei es  ein Fußballspiel, sei es ein Weihnachtsmarkt, nicht mehr sicher fühlen können, weil der Schrecken zum Alltag geworden ist.

Und hier der Täter: ein von den niedersten Beweggründen getriebener Kopf, der die Mechanismen des Geldmarktes versteht – so wie ein 9/11-Insider, von dem es heißt, er habe im September 2011 wenige Tage vor  dem  Anschlag auf die Zwillingstürme des World Trade Centers über sogenannte Put-Optionen eine Wette auf den Kursverfall der betroffenen Fluggesellschaft United Airline gesetzt. Ein eiskalt kalkulierender Kopf, der über Leichen gehen würde, um an das  schnelle, große Geld zu kommen.

Kein Krimi, sondern erschreckende Realität

Seinem Plan liegt eine zynische Rechnung zugrunde: Je mehr  Fußballspieler  und Verantwortliche des börsennotierten Klubs bei meinem Bombenattentat vor einem wichtigen Spiel in der öffentlichkeitswirksamen Champions League  ums Leben kommen, desto größer ist auch mein Gewinn. Der Täter ist  ein kluger, aber nicht zu kluger Kopf, der bei der Spurenverwischung aus seinem Wissen um  die umgreifende Nervosität im Land eine falsche  Fährte zu legen versucht, dabei aber mehrere dilettantische Fehler begeht.

Doch Sergei W. hat keinen Krimi geschrieben. Er hat Bomben gebastelt. Am Freitagmorgen wird er wegen des Anschlags auf den Mannschaftsbus des Bundesligisten Borussia Dortmund  als dringend tatverdächtig festgenommen.  Spezialkräfte der GSG 9 stürmen sein Haus, weil er seine Bomben per Fernbedienung gezündet haben soll, um aus seinen Hirngespinsten eine  düstere Realität werden zu lassen, mit der ja nicht nur Borussia Dortmund zu kämpfen hat.

Eine Realität, die all diejenigen, die den Fußball als eine vom Kapitalismus vereinnahmte Unterhaltungsshow kritisieren, Anlass zur  lauten Klage gibt, obwohl diese Klage an dieser Stelle  eher unangebracht ist. Eine Realität, von der man sich nicht schützen kann, weil   Größenwahnsinnige wie Sergei W., der ja vermutlich  von einer perfiden Zockermentalität getrieben wurde, aus der Verletzlichkeit der Gesellschaft  auch in Zukunft Kapital schlagen wollen.

Banale wie beruhigende Erkenntnis

So komplex der Fall und so groß die Aufregung diesbezüglich auch sein mag, für den Moment lässt sich daraus  zum einen ein ganz banaler, zum anderen auch ein beruhigender Schluss ableiten. Der banale:  Der Täter handelte aus Habgier und nicht aus einer politischen Überzeugung oder aus Hass gegen den Verein. Also aus einer Charakterschwäche, die seit jeher Mord und Totschlag verursacht hat. Diese Erkenntnis, so schrecklich sie  ist,  wird wohl  auch bei Dortmunds Klubpräsident Hans-Joachim Watzke zu einer gewissen Erleichterung geführt haben. Er musste in der letzten Zeit  doch tatsächlich befürchten, dass hinter dem Anschlag eine von ihm ausgeschlossene Fangruppierung stecken könnte.

Der beruhigende Schluss ist dieser: Die Ermittler haben vom ersten Moment an einen kühlen Kopf bewahrt, zweifelten umgehend das Bekennerschreiben an, das Sergei W. am Tatort hinterlassen hatte, und ließen bei der Fahndung keine Informationen nach außen dringen. Erfahrung macht also auch aus Ermittlern bessere Ermittler. Was wiederum nicht ganz so gut als Stoff zum Bestseller taugt.