Kommentar zum Confederations Cup in Sotschi: Deutscher Fußballbund schickt B-Elf nach Russland

Sotschi - Es war einmal ein König, der hatte sehr viel Geld, und manchmal war ihm trotzdem langweilig. Also beschloss er eines Tages, die besten Fußballer der Welt in sein fernes Königreich einzuladen, um ein pompöses Sommerturnier zu seinen Ehren auszurichten. Und für sein Volk natürlich auch. Die meisten der besten Fußballer der Welt wollten dieser Einladung aber nicht folgen, sie wollten erst einmal Urlaub machen nach all den vielen Strapazen einer viel zu langen Saison.

Man schrieb das Jahr 1992, der König hieß Fahd und sein Land Saudi Arabien. Dann folgten doch noch drei Nationalteams der königlichen Einladung in die Wüste, sie folgten dem Ruf des Geldes: Argentinien, die Elfenbeinküste, die USA. Das ist, etwas märchenhaft verkürzt, die Vorgeschichte des inzwischen vom Weltverband Fifa verantworteten und auf acht Teilnehmerländer ausgedehnten Confederations Cup. Aber was ist die Moral der ganzen Geschichte?

An diesem Sonnabend beginnt in Russland die zehnte Ausgabe eines Turniers, an dem wieder nicht die besten Fußballer der Welt teilnehmen werden. Und das liegt vor allem an der deutschen Nationalmannschaft, dem amtierenden Weltmeister, der allenfalls seine Zweitbesten schickt, weil er diesen Confed Cup als Experiment mit einem bewusst offenen bis gleichgültigen Ausgang begreift. Die wahre Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw soll sich lieber ausruhen, um im kommenden Sommer ihren Titel zu verteidigen. Diese zweiwöchige Generalprobe? Ist ihnen lästig.

Fußballfreier Sommer

Dass die anderen sieben Teams sich nicht schonen und der Europameister Portugal sogar mit Cristiano Ronaldo angereist ist? Ist ihnen egal. Dass die Gastgeber das gar nicht gut finden und nicht wenige nicht zu Unrecht von einer weltmeisterlichen Arroganz sprechen?

Ach, die Russen, die haben doch größere Probleme. Und warum das alles? Weil die deutschen Fußballfunktionäre insgeheim hoffen, dass dieser Confed Cup der letzte sein wird. Ob in vier Jahren in Katar gespielt wird, ist schon jetzt fraglich.

Es gibt gute Gründe, dieses Turnier abzuschaffen. Nur sind das keine sportmedizinischen oder terminlichen Gründe, die letztlich nur vorgeschoben wirken. Es stimmt zwar, dass die Spieler überlastet werden könnten und dass dem ohnehin schon prallen Spielkalender ein fußballfreier Sommer mal ganz guttun würde. Auch so manchem Privatleben.

Ein Märchen aus 1001 Nacht

Es stimmt aber viel mehr, dass das ständige Wachstum einer an Profitmaximierung interessierten Fußballbranche an die Grenzen des Hinnehmbaren stößt und dass der Expansionskurs der Fifa an Orte führt, wo man sich immer drängender fragen muss: Ist das nicht mindestens Geldverschwendung, wenn in der Provinz plötzlich Stadien entstehen, die kein lokaler Klub hinterher auch nur annähernd füllen kann?

Gelten hier noch Menschenrechte, wenn Regierungen Stadionbaugrundstücke enteignen und ihre Bürger per Gerichtsbeschluss zu Obdachlosen machen? Bin ich womöglich selbst Teil eines korrumpierten und korrupten Systems geworden, wenn ich nur zuschaue oder nur über den Sport berichte? Und was würde es bringen, wenn ich mir für die Turniertage vornehme, mein Fußballkonsumverhalten zu ändern?

Die Erzählung, wonach der Fußball, dieser selbst ernannte und nie gekrönte König Fußball, Brücken baut, Mauern einreißt und Völker verbindet, hat längst an Glaubwürdigkeit verloren. Wahrscheinlich war sie schon immer ein Märchen aus 1001 Nachtsitzung der Werbeindustrie. Die integrative Kraft des populärsten Sports der Welt entfaltet sich meist da, wo Menschen einfach nur kicken, weil gerade ein Ball in der Nähe ist.

Inszenierte Turnierbilder

Im Urlaub am Strand zum Beispiel, wo man Doppelpässe mit einem Fremden spielen kann, weil das Spiel eine Sprache spricht, die alle verstehen. Dazu braucht es keine Vereine, keine Verbände, keinen theoretischen Überbau.

Die Erzählung wird trotzdem immer wieder und immer weiter verbreitet und zwar in dem Glauben, dass die Masse letztlich zu träge ist, um etwa den inszenierten Turnierbildern zu misstrauen und den blumigen Worten zu widersprechen. Erzählt wird die Fußballgeschichte auch mit der Absicht, dass die Fans sich mit Reformen zufriedengeben, wo eine Revolution angebracht wäre.

Doch wie soll es dazu kommen, wenn die Mächtigen des Sports mit den Machthabern des Staats paktieren und sich gegenseitig hofieren wie gerade in Russland? Und jetzt noch schnell die Moral der Geschichte: Wenn es beim Confed Cup mehr Geld zu verdienen gäbe, wären die Deutschen wohl nicht ganz so abgeneigt gewesen, ihre Besten spielen zu lassen.