Fällt das Wort Familienclan und Gemeingefährdung, dann denken viele schnell an Neukölln, Drogenhandel, Türsteher. Doch das führt in die Irre. Der wahre Schreckenstag für alle, die keine Eltern von Erstklässlern sind – das sind immer noch die meisten – findet an diesem Sonnabend in Stadtteilen wie Prenzlauer Berg und Umgebung statt. Es wird voll sein. Es wird laut sein. Es wird schlimm sein: In Berlin stehen die Einschulungsfeiern an.

Früher, als es noch ganz normal war Kinder zu haben, da gab es eine Schultüte und ein paar warme Worte, der Rest ergab sich. Heute, wo kein Kind mehr ganz normal sein darf, ist die Einschulung ein Event. In Berlin laut Schulbehörde am Sonnabend, damit auch alle Zeit haben. Die will gefüllt sein: Ganze Restaurants werden angemietet („Mia-Persephone liebt Sushi!“), gewaltige Familienclans, zusammengetrommelt aus der kompletten Republik, wandern pulkweise durch den Kiez wie einst die Kimbern durch Gallien, aus Altbau-Eigentumswohnungen hallen die Schreie überforderter Sechsjähriger, die mit dem Geschenkauspacken nicht hinterherkommen. „He, ein Sprossen-Memory für kleine Veganer. Freust du dich gar nicht?“

Die Grundschulen legen längst Kontingente fest, wie viele Anverwandte mit in die Aula zur offiziellen Feierlichkeit am Vormittag dürfen. Bei vier Erwachsenen pro Erstklässler ist meist Schluss, sonst würde die Massenabfertigung gerührter Großonkel, Cousins und diverser Patchwork-Kombis bis in den Abend dauern. Lehrern steht angesichts des Auflaufs die Lust auf den ersten Elternabend schon ins Gesicht geschrieben. Im Internet gibt es Ratgeber für die gelungene Einschulungsparty, von Kutschfahrt über Mietclown bis Feuerwerk scheint nichts übertrieben angesichts der Bedeutung des Ereignisses. Mein! Kind! Wird! Eingeschult!

Ja, und 30.000 andere übrigens auch. Wird schon. Es ist nur eine Einschulung.