Manchmal begehe ich den Fehler und lese die Kommentare unter Artikeln im Internet. Früher hätte ich ja noch gedacht: „Gut, dass sie hier ihren Frust rauslassen, dann sind sie wenigstens von der Straße.“ Aber heutzutage gibt es ja zumindest in einigen Teilen Deutschlands mobiles Internet. Damit fällt selbst diese Beruhigung weg.

Jedenfalls lese ich in diesen Kommentarspalten viel von einer wachsenden Angst, die in deutschen Großstädten herrschen soll. Davon, dass Menschen sich nicht mehr vor die Tür wagen aus Furcht vor anderen Menschen, die nicht hier aufgewachsen sind. Ja, gebürtige Berliner findet man innerhalb des S-Bahnrings wirklich selten, aber ich kann Ihnen versichern, dass wir dennoch alle die Wohnung verlassen können und das auch tun. Der Anblick eines syrischen Mannes bereitet mir nur dann Sorge, wenn es sich dabei um meinen Orthopäden handelt, der mir wohl irgendwann eine Fuß-OP anraten wird. Allerdings – nennen Sie mich ruhig eine überbesorgte Bürgerin – habe ich dieses Gefühl auch bei meinem Zahnarzt und der hat keinen Migrationshintergrund.

Große Strecken mit dem Rad sind beschwerlich

Trotzdem würde ich den Online-Kommentatoren insofern recht geben, als dass auch meine Angst in Berlin zugenommen hat. Es gibt mittlerweile Tage, an denen ich meinem Kater vorsichtshalber extra viel Futter und Wasser hinstelle, bevor ich die Wohnung verlasse. Manchmal prüfe ich sogar, ob ich Ausweispapiere dabeihabe, falls man mich identifizieren muss.

Das sind aber nicht etwa Tage, an denen ich im Dunklen unterwegs bin oder in Neukölln U-Bahn fahre. Nein, mir ist nur immer dann mulmig, wenn ich längere Strecken mit dem Fahrrad in der Stadt zurücklegen muss.
Der eingehaltene Sicherheitsabstand von mich überholenden Pkw verdient in der Regel weder die Worte Sicherheit noch Abstand. Links abbiegen ist mitunter ein Horror, und auf den Straßen ohne Radweg lassen Zweite-Reihe-Parker meinen Adrenalinspiegel steigen. Es gibt keine Fahrt, bei der ich mich nicht wenigstens einmal gefährdet fühle, obwohl ich eine geübte und gute Radfahrerin bin.

Dieses Jahr sind bereits 8 Radfahrer gestorben

Vielleicht ist es so, dass man sich als Autofahrer dieses Angstgefühl bei zu dichten Überholvorgängen nicht vorstellen kann oder es vergisst. Dann aber muss die Politik eingreifen und für sicherere Strukturen sorgen.
Greenpeace hat nun eine Studie veröffentlicht, nach der in Berlin für den Radverkehr nur 4,70 Euro pro Einwohner und Jahr ausgegeben werden.

Das ist traurigerweise für deutsche Verhältnisse überdurchschnittlich viel. Städte wie Kopenhagen, Oslo oder Amsterdam investieren aber ein Vielfaches dessen und sorgen so für mehr Sicherheit. Denn die kann mir auch eine defensive und regelkonforme Fahrweise nicht garantieren. Wenn man sich die Statistiken für Berlin ansieht, dann sind es nämlich in erster Linie rechts abbiegende Lkw und rücksichtslos geöffnete Autotüren, die zu tödlichen Unfällen führen.

In diesem Jahr sind bereits acht Radfahrer auf den Straßen Berlins gestorben. Ich wünsche mir, dass die Angst davor ernst genommen wird. Wir brauchen eine konsequente Umsetzung des Radgesetzes und deutlich höhere Investitionen in bessere Radwege. Letzteres ist auch im Interesse aller Autofahrer. Schließlich parken sie darauf noch lieber als in der zweiten Reihe.