Am 7. Februar 2005 tötete der in einem religiös geprägten Haushalt aufgewachsene 19-jährige Ayhan Sürücü auf offener Straße in Berlin seine Schwester Hatun.

Aus Mangel an Beweisen

Er hat seine Strafe in Deutschland abgesessen. Gegen seine beiden älteren Brüder wurde in Istanbul verhandelt. Sie sollten den Mord in Auftrag gegeben haben. Am Dienstag sind die beiden Männer jedoch frei gesprochen worden. Aus Mangel an Beweisen.

Der Fall Sürücü steht in Berlin wie kein anderer dafür, wie religiös geprägte Mentalitäten über die Rolle der Frau bestimmen. In letzter Konsequenz bis hin zu ihrem Tod. Wir hatten viele Fälle in den vergangenen Jahren, bei denen religiöser Hass den Zündstoff lieferte für Auseinandersetzungen und schließlich auch für Anschläge.

Bei vielen Tätern, und so war es im Fall Sürücü, handelt es sich um solche, die länger im Land lebten oder hier aufgewachsen sind und nicht um aus dem Ausland geschickte Terroristen. Es sind also unsere Täter, auch wenn in diesem Fall in Istanbul gegen die Männer verhandelt wurde. Wir können das Problem eigentlich nicht woanders hinschieben, sondern müssen damit umgehen.

Ethikunterricht eingeführt

Der Staat hat die Möglichkeit, repressiv gegen derartige Täter und ihre Taten vorzugehen. Er kann vorbeugen, unterbinden und bestrafen. Zum Zweck der Vorbeugung ist in Berlin nach dem Sürücü-Mord der Ethikunterricht in den Schulen eingeführt worden.

Nach der Ermordung von Hatun Sürücü durch ihre Brüder war die SPD unter Handlungsdruck geraten, denn viele Lehrer berichteten damals, ihre Schüler hätten den „Ehrenmord“ gerechtfertigt oder sogar begrüßt. Sie waren der Meinung, wenn sich ein Mädchen nicht an Verhaltensnormen wie Keuschheit hält, seien Verwandte geradezu gezwungen, zu handeln, wie Sürücüs Brüder es getan hätten. Diese Haltung findet man bei manchen Schülern allerdings noch immer. Vielleicht ist es ja so: Ein bisschen Ethikunterricht reicht nicht.