Sie ist nicht immer pünktlich. Zuweilen ist sie ziemlich voll. Und manchmal riecht es drinnen merkwürdig, als hätten sich die Fahrgastausdünstungen zu einer Duftnote konzentriert, die nun für alle Zeiten in den Polstern festsitzt. Dennoch wird sie seit Montag zwischen Ostbahnhof und Friedrichstraße schmerzlich vermisst: die S-Bahn.

Weil die Strecke saniert wird, stehen die Fahrgäste in Bussen im Stau oder pressen sich in volle Regionalzüge. Entlang der Stadtbahn erfahren die Fahrgäste schwitzend am eigenen Leib, dass es ohne die S-Bahn nicht geht. Und das ist ja schon mal ein schönes Geburtstagsgeschenk für eine Jubilarin, die am Freitag 90 Jahre alt wird: dass man an sie denkt und sie sich herbeiwünscht.

Am 8. August 1924 fuhr der erste elektrische Vorortzug vom Stettiner Bahnhof, der später Nordbahnhof hieß, nach Bernau. Die Umstellung des dampfgetriebenen Nahverkehrs hatte begonnen. Bis 1930 bürgerte sich auch ein eingängiger Name ein: Stadtschnellbahn – kurz S-Bahn.

Was dann folgte, war eine rasante Berg- und Talfahrt, eine Geschichte, so spannend wie die von Berlin. Nach dem Krieg war die S-Bahn eine der letzten Klammern, die diese Stadt zusammenhielt. Mit dem Mauerbau 1961 war das vorbei und im Westen begann der Abstieg zu einer Art Museumsbahn, ignoriert und offiziell verhasst.

Im Osten fuhr die S-Bahn, als Rückgrat des Berufsverkehrs gehätschelt, zu immer neuen Rekorden, aber auch dort machten sich fehlende Investitionen bemerkbar. Als die Mauer fiel, beschleunigte sich im Westen der Wiederaufstieg. Stillgelegte Trassen wurden wieder eröffnet (nicht alle), neue Züge gekauft, bis es vor fünf Jahren wieder steil nach unten ging. Die Krise ist heute noch zu spüren.

Am Freitag wird nun gefeiert. Es gibt viele Gründe dafür, wenn auch das Programm nicht allzu üppig ist. Glückwunsch zum 90.!