In Berlin ein Haus zu bauen, in dem drei große Weltreligionen beten, ihrem gemeinsamen Gott dienen, den Geist von Frieden und Versöhnung verbreiten – das klingt nach einer guten Idee. Nach den schweren Erschütterungen, die das Verhältnis zwischen Muslimen, Christen und Juden  belasten, wäre das ein Ort, an dem Vertrauen gebildet werden könnte.

Wunderschön klingt das: interreligiöser Dialog, Miteinander der Religionen, friedvoll, in großer Offenheit und in Würdigung der Verschiedenheit. Herzen und Gelder fliegen der Idee zu, ein House of One am Petriplatz zu errichten – Kirche, Synagoge und Moschee unter einem Dach. Was soll man auch anderes tun als „allen Gräueltaten, die unter Berufung auf die Religionen begangen werden, ein Modell eines anderes Miteinanders entgegensetzen“? So formulieren Stiftung  und  Freundeskreis des House of One das Anliegen.

Allein, die Aussichten sind gering. Religions- und Kulturkonflikte zerreißen die Welt mit einer Wucht wie schon lange nicht mehr. Schiiten und Sunniten zerstören in Bürgerkriegen Syrien, Jemen oder  Irak. In der Türkei versucht Erdogan, seine Position felsenfest  zu machen, opfert  Glaubensbrüder – auch die von der Gülen-Bewegung.

Israel entfernt sich immer weiter von einer Verständigung mit seinen Nachbarn  und setzt stattdessen auf Religion und Nationalismus. Seine Feinde agieren noch radikaler, und der IS massakriert jeden, der nicht laut genug Hurra für das Kalifat ruft.

Dennoch müsste man das House of One nicht  als hoffnungslos abtun, wäre da nicht  die Berliner Realität. Sie  legt den Schluss nahe, dass es sich beim gemeinsamen Gebetshaus  um eine fein ausgedachte  Fassade handelt, die  den wahren Zustand verdeckt. Ein klassisches Potemkin’sches Dorf.

Drei getrennte Gebetsräume

Die Idee geht von der evangelischen Kirche aus. Ihr gehört das Grundstück auf dem Petriplatz. In Gestalt der Gemeinde St. Petri-St. Marien tritt sie als Hauptakteurin auf. Doch die sympathische Christengemeinde kämpft in Berlin mit Bedeutungsverlust. Auf  jüdischer Seite steht das Abraham Geiger Kolleg, ein Rabbinerseminar in Potsdam, das zur Minderheitsströmung des progressiven Judentums gehört. Werden die jüdischen Fürsprecher genügend Enthusiasten finden, um die Dialogidee mit Leben zu erfüllen?

Das wirklich unüberwindbare Problem aber liegt auf  muslimischer Seite. Die Evangelischen  räumen offen ein, dass die Suche nach starken muslimischen Partnern erfolglos war. Keiner der großen Verbände zeigte Interesse. Gemeinsam mit Juden und Christen auf einem Podium? Niemals. Einzig die Vertreter der Gülen-Sekte waren bereit dazu. Man nahm sie ins Projekt – wohl wissend, dass deren religiöses Konzept Zweifel weckt.

Immerhin hat der Verfassungsschutz geprüft und – nun ja –  vorerst Absolution erteilt. Doch stehen die ehrenwerten Vertreter isoliert da. Die Mehrheit der türkischen Muslime hält sie, in Treue fest zu Erdogan, für Gesandte des Satans. Das heißt:  Hier entstehen massive Konflikte statt Dialog. Hass statt Miteinander. Entspannung ist auf lange Zeit unwahrscheinlich. Die bedrängten Gülen-Leute  verdienen  Beistand, aber als  Integrationsfiguren taugen sie nicht. Welcher Muslim wird unter solchen Umständen das House of One betreten?

Der geplante, nach außen verschlossene Bau offenbart innen die Fiktion. Gemeinsam beten?  Vorgesehen sind drei getrennte Gebetsräume. Begegnungsraum entsteht nur, wenn alle ihre Türen auftun.

Ein Ort des Lernens

Bedauerlicherweise wäre obendrein ein ohnehin malträtierter Platz in der historischen Mitte Berlins betroffen, der als Ort der Begegnung durchaus einen guten Sinn stiften könnte. Hier, nahe der Spree bauten die Bürger der jungen Siedlung Cölln um 1230 ihre Petrikirche nahe der Spree und weihten diese Petrus, dem Schutzheiligen der Fischer, Schiffer und Handwerker.

Neben Schlüssel und Schiff ist das Buch eines seiner Symbole. Auf dem Petriplatz fanden Ausgräber auch die  Fundamente der  Lateinschule,  die im 13. Jahrhundert Priester ausbildete. Aus ihr gingen die Stadtschule und ein Gymnasium hervor. Ein Ort des Lernens also.

Statt einer realitätsfernen Kopfgeburt  könnte am Petriplatz eine  Schule entstehen, in der Leute jeden Glaubens oder auch ohne  Glauben, also die Berliner Mehrheit, die Sprachen der Bücher lernen können: Latein, Griechisch, Hebräisch, Arabisch, Aramäisch.

Von Glaubenskonflikten wenig belastet, könnten die Lernenden  ein Ziel verfolgen: das Verbindende der Bücher zu verstehen. So entstünde ein sinnerfülltes Haus des Austauschs, des Forschens und Redens über gemeinsame Wurzeln.  „The One“, dem „Einen“  gefiele die vielsprachige Hingabe zu seinem Wort gewiss.