Man stelle sich einmal vor, ein junger Lehrer hat gerade erst begonnen, in der Schule zu unterrichten. In der hinteren Bank sitzt ein Schüler, der ständig mitschreibt. Es gibt Gerüchte, der Schüler gehöre zu rechten Szene. Der Junglehrer ertappt sich dabei, wie er seine Worte beklommen abwägt, sich bestimmte Dinge gar nicht mehr zu sagen traut. Denn er hat Angst. Vielleicht schreibt der Schüler nur fleißig mit, womöglich aber will er den Lehrer auf jenem Melde-Portal anschwärzen, das die AfD in der kommenden Woche auch für Berlin freischalten will.

Dieses Meldeportal samt Kontaktformular soll künftig Vorwürfe von Schülern oder Eltern sammeln, wenn sie einen Lehrer beschuldigen, gegen das Neutralitätsgebot zu verstoßen. Es lädt in seiner Machart Schüler zur Denunziation ein. Selbst wenn die AfD verspricht, persönliche Daten von Lehrern nicht zu veröffentlichen, werden sie doch von der Partei erfasst und an die Behörden weitergeleitet. Die Anschuldigungen soll einseitig erfolgen, ohne dass der Beschuldigte sogleich angehört wird. Und das alles vorbei an etablierten staatlichen Kontrollmechanismen. Angefangen vom Klassen- oder Vertrauenslehrer bis hin zur Schulaufsicht.

AfD stellt selbstbewusste Lehrer in Frage

Das Vorhaben ist aber nicht nur in dieser Hinsicht übergriffig, es hat zudem das Potenzial, die Unterrichtsqualität zu beeinträchtigen. Eine der entscheidenden Grundlagen für einen guten, lebendigen Unterricht ist bekanntlich eine charismatisch auftretende Lehrerpersönlichkeit. Eine solche Persönlichkeit muss für die Schüler menschlich erfahrbar sein. Dazu gehört selbstverständlich, dass er seine eigenen Überzeugungen und Werte vertritt und mit den Schülern darüber in ein anregendes Gespräch kommt.

Ein verstockter Geschichts- oder Deutschlehrer, eine Person ohne Eigenschaften, die nur nichts falsch machen will, ist da wenig hilfreich. Ein guter Lehrer und eine gute Schule können in wichtigen Fragen nicht neutral sein – und schon gar nicht, wenn es darum geht, sich für Menschenrechte, Demokratie und Teilhabe einzusetzen. Genau diese selbstbewusste, bestenfalls vorbildliche Lehrerpersönlichkeit stellt das AfD-Portal unterschwellig in Frage.

Lehrer müssen drei Punkte beachten

Dabei existiert in der Bundesrepublik seit dem Jahr 1976 eine recht klare Regelung, wie meinungsfreudig ein Pädagoge sein darf. Im Beutelsbacher Konsens sind die drei entscheidenden Punkte festgelegt: Der Lehrende darf Schülern erstens nicht seine Meinung aufzwingen, sondern muss sie in die Lage versetzen, sich dank des Unterrichts eine eigene Meinung bilden zu können. Der Pädagoge soll zweitens bestimmte Themen möglichst von allen Seiten beleuchten. Und drittens soll der Schüler in die Lage versetzt werden, politische Situationen selbst analysieren zu können.

Diese Prinzipien gelten heute noch, zumal nach dem altersbedingten Ausscheiden der berühmt-berüchtigten Alt-68er-Pädagogen die Lehrerschaft in Berlin und anderswo derzeit eher vielfältiger wird. Auch was die politischen Standpunkte angeht. (AfD-Scharfmacher Björn Höcke ist übrigens ebenfalls Lehrer von Beruf.)

Portal mit Scherzeingaben fluten

Der Pädagogen-Pranger der AfD führt uns vor Augen, wie perfide diese Partei mittlerweile vorgeht, um auf sich aufmerksam zu machen. Nach bewährtem Muster macht sie sich zum Fürsprecher angeblicher Opfer einer konstruierten rot-grünen Dominanz im Lehrerzimmer. Tatsächlich schüchtert man Pädagogen ein und nimmt noch radikalere Trittbrettfahrer billigend in Kauf. Mutmaßlich ein solcher Trittbrettfahrer hat gerade den Lehrer und Lichtenberger SPD-Politiker Kevin Hönicke per anonymer E-Mail mit dem Tode bedroht und ihm dabei mitgeteilt, er gehöre unbedingt auf die AfD-Liste.

Was also tun, wenn das Portal tatsächlich in Berlin startet? Als ein Zeichen zivilen Ungehorsams könnten Internetnutzer das Portal mit Pizzabestellungen und Scherz-Eingaben fluten. Zum Beispiel mit ironischem Protest gegen die Verwendung arabischer Ziffern an Schulen, wie es in Hamburg geschah. Eine solches Vorgehen würde den AfD-Mitarbeitern das fast schon geheimdienstlich anmutende Auslesen der anderen Meldedaten jedenfalls erschweren.