Kurz nach Weihnachten wurde Mia aus Kandel von ihrem Ex-Freund erstochen. Ein paar Monate waren die beiden  zusammen gewesen. Der junge Mann lauerte ihr  vor einem Drogeriemarkt auf, verletzte sie tödlich mit einem Messer. Mia war 15. Da erschrickt jeder, und wenn man wie ich ein Mädchen in dem Alter hat, greift es einen noch mehr an.   

Der Historiker Götz Aly nahm die Tat zum Anlass, in seiner Kolumne für die Berliner Zeitung zu beklagen, sie zerstöre das Grundvertrauen in fremde Menschen.  Der mutmaßliche Täter von Kandel ist ein Flüchtling aus Afghanistan. Aly nannte weitere Beziehungstaten, verübt von Flüchtlingen, er zitierte aus  früheren Kolumnen: Viele Flüchtlinge stammten aus Verhältnissen, in denen patriarchale  und voraufklärerische Lebens- und Moralvorstellungen dominieren.  

Das  klingt, als wolle er sagen, Flüchtlinge neigten eher dazu, es nicht zu dulden, wenn ihre Freundinnen sich von ihnen trennen. Aly spricht von „immer mehr jungen Männern mit ziemlich langen Messern in der Tasche“. Diese Verallgemeinerung stößt mich ab. 

Er werde gewiss  seiner Enkelin nicht raten, sich um die „armen, unbegleiteten ‚Geflüchteten‘ zu kümmern“, so Aly weiter, als seien diese tendenziell gefährlicher als andere Jugendliche. Ich dachte an meine Tochter. Und dass ich auch nach Kandel nicht auf die Idee kommen würde, sie vor dem Kontakt zu Flüchtlingen in ihrem Alter zu warnen.

Denn Beziehungstaten sind keine Spezialität von Flüchtlingen. Man könnte sie als Spezialität von Männern bezeichnen, das geben die Zahlen her: 80 Prozent der Opfer sind Frauen. Sie werden von Männern, auch von deutschen, attackiert, die es nicht ertragen können, die Kontrolle über einen Menschen zu verlieren. 

Dann meldete sich der Kriminologe Christian Pfeiffer zur Flüchtlingskriminalität zu Wort.   Seiner Studie zufolge ist der Anstieg von Gewalttaten in Niedersachsen auf Flüchtlinge zurückzuführen. Pfeiffer sagt auch, dass Flüchtlingsgewalt sichtbarer ist, weil Flüchtlinge eher angezeigt werden.

Und dass die gut integrierten Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Irak und, ja auch aus  Afghanistan, viel weniger Straftaten verübten als die aus Nordafrika. Von kultureller Prägung  bei ihm kein Wort. Dass Nordafrikaner mehr kriminelle Taten verüben, liege daran, dass sie in Deutschland keine Perspektive haben, so Pfeiffer. Weil von Anfang klar sei, dass sie nicht bleiben können.  Sein Vorschlag: Man muss sich  um diese mehr kümmern.

Götz Aly ließ seinem pauschalen Unwohlsein weiter freien Lauf: Die Chance, in Israel ein Messer zwischen die Rippen zu bekommen, sei geringer als in Neukölln. Er spricht von meiner von Migranten geprägten Nachbarschaft, den Straßen, auf denen meine Töchter jeden Tag   zur Schule, zum Einkaufen gehen, zum Musikunterricht. Sie tun das selbstverständlich und ohne Angst.

#metoo hat einiges relativiert

Wahr ist aber auch: Arabische Männer haben in Deutschland  seit der Silvesternacht von Köln keinen guten Ruf, auch wenn sich durch die Sexismusdebatte #metoo einiges relativiert hat. Und das Misstrauen wird  urch Verschweigen nicht verschwinden. Am Tag vor Weihnachten griffen auf der Sonnenallee in Neukölln sechs Männer zwei Schwule an, bewarfen sie mit Obstkisten. Die Polizei veröffentlichte keine Täterbeschreibung.

Warum eigentlich? Vielleicht waren es keine Flüchtlinge, keine Muslime, vielleicht doch. Homophob sind nicht nur Flüchtlinge, aber dass diese  in der Hinsicht auch Probleme mit sich bringen, darf nicht verschwiegen werden,  gerade von denen nicht, die für sie sind. Warum fürchten sich  manche vor der Wahrheit? Aus Angst, die Zivilisiertheit könne von uns abfallen wie dünner Firnis? Nicht die Wahrheit hat fatale Folgen, sondern das Verschweigen. 

Wie deutsche Männer vor 50 Jahren   

Was die Haltung mancher Flüchtlinge gegenüber Frauen angeht, so erinnert sie an die   deutscher Männer vor 50 oder 70 Jahren. Sie lässt sich also ändern, auch wenn das ein langer Weg ist. Diesmal wird es nicht ganz so lang dauern, denn es gilt ja,  sich mit einer Minderheit auseinanderzusetzen, nicht mit der  Hälfte der Gesellschaft.

Und die deutschen Frauen und die Schwulen sind selbstbewusster als vor 50 Jahren. Einen anderen Weg, als den des miteinander Ringens gibt es nicht, auch wenn verständlicherweise manche schon jetzt erschöpft die Augen verdrehen. Denn die Zuwanderer werden bleiben, wenigstens ein Teil. Sie sind oft schon mittendrin.

Die Schule meiner Tochter hat die Willkommensklasse aufgelöst, die Schüler verteilt. Der neue Mitschüler in der 9d kommt aus dem Senegal. Die Klassenlehrer baten um freundliche Aufnahme. Richtig so! Alles andere würde das Miteinander zerstören, auf das eine Schulklasse angewiesen ist. Und eine Gesellschaft.