An diesem Sonntag wird in Deutschland und vielen anderen Ländern der Muttertag gefeiert. Traditionell werden an diesem Tag Mütter mit Blumen beschenkt. Sie lächeln freundlich, bedanken sich und stellen sie zufrieden in eine Vase. Danach geht für sie der Alltag mit Haushalt oder Kindererziehung weiter. Für pflichtbewusste Familien sind die Blumen zum Muttertag eine Geste, die beweisen soll, dass die Mutter geehrt und wertgeschätzt wird. Für Floristen ist der Muttertag der wichtigste Tag des Jahres und bringt laut Fachverband Deutscher Floristen (FDF) innerhalb einer Woche 100 bis 120 Millionen Euro ein. Und so feiert am Muttertag vor allem einer: der Kapitalismus.

Denn über hübsche Blumensträuße lässt sich schnell vergessen, was der Muttertag ganz klar nicht zulässt: Debatten um die soziale Situation von Müttern. Im Hintergrund der Blumen-, Pralinen- und Parfümgeschenke wird nicht darüber diskutiert, wie Mutterschaft und Emanzipation zusammengeführt werden können, wie das traditionelle Rollenbild der Mutter aufgebrochen werden kann, was gegen Altersarmut – von der Frauen besonders häufig betroffen sind – getan werden kann. Über solche Themen lässt sich nicht durch die Blume sprechen. Und würde die Initiatorin des Muttertags heute noch leben, wäre sie entsetzt.

Muttertag hat nichts mit Blumen zu tun 

Ann Maria Reeves Jarvis gründete kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg in den Jahren zwischen 1861 und 1865 Bewegungen wie die Mütter-Freundschaftstage und die Muttertags-Meetings. Als bekennende Pazifistin trommelte Jarvis Mütter auf beiden Seiten des Bürgerkrieges zusammen, um Verwundete zu versorgen. Nach dem Krieg organisierte sie Gespräche zwischen den Müttern der Soldaten. Ihr Leben lang förderte sie die Solidarisierung von Müttern und setzte sich für den Frieden ein.

Ihre Tochter war es schließlich, die den Muttertag mit Hilfe eines Vertriebsexperten weltweit bekannt machte – doch weil politische Kämpfe um Müttersolidarität, Emanzipation und Frieden den Verkauf mindern, wurde der Muttertag durch die Industrie als Tag zur Ehrung der Mutter vermarktet - mit Parfüms, Pralinen und Blumen-Geschenken. Und so erklärte Reeves' Tochter später einmal, sie bereue, den Tag ins Leben gerufen zu haben. Sie versuchte jahrzehntelang, die Kommerzialisierung des Muttertags zu stoppen.

Deshalb: Ja, schenkt euren Müttern Blumen und Pralinen und sagt ihnen, wie gern ihr sie habt. Am besten an 364 Tagen im Jahr. Nur bitte nicht am Muttertag. Der kleine Moment der Freude über den schönen Blumenstrauß ist schön, er ändert aber nichts an gesellschaftlichen Strukturen. Am Muttertag also nehmt euren Müttern einfach mal Arbeit ab und gebt ihnen Unterstützung für das, was sie wirklich bräuchten: Zeit und Raum, um sich zusammenzutun und gemeinsam für ihre Anliegen und für gesellschaftliche und politische Veränderung zu kämpfen.