Wenn man sich in Prenzlauer Berg umsieht, fühlt man sich im Vergleich zu manch anderen Kiezen vordergründig in eine bessere Welt versetzt. Die Menschen hier fahren mit dem Fahrrad statt mit getunten Autos, sie gehen nicht mit aggressiven Kampfhunden spazieren,  sondern lieber mit ihren Kindern, sie trinken (zumindest bis zum frühen Nachmittag) vorzugsweise Bionade statt Bier. Der Kaffee ist aus fairem Handel, der Einkaufsbeutel aus Jute wird so lange wiederverwendet, bis er auseinanderfällt. Motto: Wir wollen eine bessere Welt für unsere Kinder und fangen bei uns selbst damit an.

So weit, so gut – wenn dieses Verhalten im Mama-Kiez der Gutverdiener in weiten Teilen nicht so oberflächlich wäre. Am Dienstagnachmittag stand ich gegen 17.30 Uhr in einem Supermarkt an der Prenzlauer Allee an der Kasse. Um mich herum waren hauptsächlich Menschen, die vegane Lebensmittel aufs Band legten, T-Shirts mit weltverbessernden Sprüchen trugen und ihre Einkäufe in mitgebrachte Taschen packten. 

Von der Kassenschlange aus kann man auf den zum Supermarkt gehörenden Parkplatz blicken. Dort lag auf einem kleinen, verdorrten Grünstreifen ein offenbar obdachloser Mann in der prallen Sonne und rührte sich nicht. Bekleidet war er mit einer schwarzen Hose, einer Wollmütze und einer schweren Lederjacke.

Keiner interessierte sich für den Obdachlosen

An diesem offensichtlich hilflosen Menschen gingen mindestens zehn Menschen in zwei Meter Abstand vorbei. Einige blickten verschämt zu Boden, andere ignorierten den Mann, indem sie den Blick stur geradeaus richteten oder sich höchst konzentriert mit ihrem Mobiltelefon beschäftigten. Keiner von ihnen interessierte sich für den Obdachlosen, dem es ganz offensichtlich in der prallen Sonne ganz schön schlecht ging.

Ich bin kein Weltverbesserer. Ich fahre gerne Auto, ich esse gerne Nutella (ja, die cremige Palmöl-Kakao-Zucker-Pampe schmeckt mir), und wenn ich einer Frau ein Kompliment mache, verschlimmbessere ich es vorher nicht erst in eine gendergerechte, politisch korrekte und damit leider auch todlangweilige Form. Ich brauche das alles nicht. Und ich weigere mich, mein Verhalten diesem immer seltsamer werdenden Zeitgeist unterzuordnen.

Den Mann in der schwarzen Kluft dürfte das, was ich hier aufschreibe, wenig bis gar nicht interessieren, das ist mir klar. Für ihn war vermutlich weitaus wichtiger, dass überhaupt jemand zu ihm auf den Rasen kam, der ihn weckte. Der ihn ohne lange Diskussion in den Schatten bugsierte. Und der ihm dort mit den schroffen, aber klaren Worten „du musst was trinken, du gehst sonst drauf“ einen Sechserträger Wasser vor die Füße stellte.

Es ist so herrlich einfach, sein Gewissen zu beruhigen, indem man seinen Coffee to go im Fairtrade-Handel kauft. Dem überhitzten Mann einige Flaschen Sprudel zu bringen, ist allerdings noch viel einfacher.