Zwei junge Männer, 25 und 28 Jahre alt, haben auf dem Kurfürstendamm einen Menschen ermordet, weil sie ein Autorennen auf einer öffentlichen, von arglosen Menschen benutzten Berliner Straße geil fanden. Sie nutzten ihre motorstarken Wagen als Tatwaffe. Sie schossen mit Vollgas durch auch am Abend  belebte Straßen. Sie genossen das Tempo, den ihnen daraus ihnen erwachsenden Rausch. Sie ignorierten Ampeln, kreuzenden Verkehr, Fußgänger – alles.

Sie nahmen in Kauf, dass sie andere wegschießen würden, wenn sie ihnen im Weg stünden – es gehörte zum Spiel, war Teil des Vergnügens, das sie sich selbst bereiteten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie jemanden töten würden, war nicht klein; die Gier danach, ihr mickriges Ego aufzublasen, dafür von  monströser Größe. Deshalb musste ein 69 Jahre alter Mann sterben. Er hatte das Pech, im falschen Moment am falschen Ort zu sein. Beim Aufprall auf den Jeep des Opfers war der Mordwagen mit 160 Kilometern pro Stunde unterwegs.

Das Berliner Landgericht hat beide Angeklagten wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein solches Urteil in einem solchen Fall  gab es bislang nicht.  Die Richter sahen den Vorsatz zum Töten, nicht bloß Fahrlässigkeit – allerdings schränkten sie auf einen „bedingten Vorsatz“ein, denn einen direkten Willen zum Töten sahen sie nicht. Aber die Frage stand durchaus im Raum:  Hatte die Vorstellung, Menschen – einer? mehrere? egal! – könnten unter die Räder kommen und den Kick, den Reiz ihren Vorhabens nur noch erhöhen, gar keine Rolle gespielt? Ist das Motiv des maximalen Vergnügens, der Befriedigung hemmungsloser Selbstsucht, kein niederer Beweggrund? Ist der Gewinn eines illegalen Autorennens auf einer öffentlichen Straße und der damit einhergehende Hormonschwall für den Körper ein irgendwie höherer Beweggrund?

Anders als die Staatsanwaltschaft sahen die Richter dieses Mordmerkmal nicht. Die Verteidigung hatte den jungen Männern sogar zugute halten wollen, sie hätten in der Überzeugung gehandelt, die Lage unter Kontrolle zu haben. Selbstüberschätzung gehört ja tatsächlich zu den gefährlichsten und weit verbreiteten Gefährdungs- und Selbstgefährdungsquellen. Aber sie ist nicht strafbar. Ebenso wenig wie das Glücksgefühl, das sich Männer und nicht wenige Frauen verschaffen, wenn Größe und PS-Zahl ihres Autos ihre Persönlichkeit schwellen lassen.

Verteidiger wollen in Revision gehen

Ja, die beiden jungen Männer gehören lange hinter Gitter. Sie sind für die Allgemeinheit gefährliche Leute. Sie haben, so die Richter, ihre Autos als gemeingefährliches Mittel eingesetzt. Als Bürgerin bin ich froh, dass sie aus dem Verkehr gezogen sind. Dass ihnen lebenslang die Fahrerlaubnis genommen ist, klingt da fast banal.

Mich erleichtert das Urteil, und wenn man ersten Umfragen glauben darf, wird es von einer klaren Mehrheit der Bürger für richtig gehalten. Trotzdem finde ich es ebenso richtig, dass sich die juristische Fachwelt noch ausführlich mit dem Urteilsspruch beschäftigt, bevor er rechtskräftig wird.

Die Verteidiger wollen in Revision gehen, um die Einstufung als Mord, dem nach bisheriger Rechtslage die lebenslange Strafe folgen muss, prüfen zu lassen. Sie hatten Schuldsprüche wegen fahrlässiger Tötung für den einen Fahrer und wegen Gefährdung des Straßenverkehrs für den anderen gefordert. Die beiden Täter wollten für sich Bewährung. Eine ihrer Begründungen: Sie hätten ihre Autos zu sehr geliebt, um Beulen zu riskieren.

Die Richter des Bundesgerichtshofes werden beraten, eine Haltung finden müssen und womöglich Rechtsgeschichte schreiben. Das ist gut so, weil das Urteil von Montag tatsächlich neue Normen setzt. Volkes Stimme verurteilt die Raser. Doch so wichtig die öffentliche Meinung sein mag, ihr soll immer Skepsis und ruhiger, klarer Richterverstand entgegentreten. Der Fall der Kudamm-Raser muss auch als Teil der seit langem geführten Debatte über eine Reform des Mordparagrafen verstanden werden. Ein seit etwa einem Jahr vorliegender Gesetzentwurf sieht ein Ende der unbedingten Bindung von Mordeinstufung einer Tat und der lebenslangen Strafe vor und eröffnet den Richtern Entscheidungsvarianten.

Das harte Urteil gegen die Raserei ist zunächst ein starkes Signal an alle Fans der illegalen Rennen: Sie lernen, dass ihr Treiben kein Feierabendspäßchen ist, das sie folgenarm riskieren könnten. Ein illegales Wettrennen mit einem KRAFT-Fahrzeug ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Kapitalverbrechen, das gesellschaftlich auf Schwerste geächtet und vor Schwurgerichten verhandelt wird, die für Mord und Totschlag zuständig sind.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes stand fälscherlicherweise, die Verteidiger wollen in Berufung gehen. Richtig ist Revision. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.