Am Sonnabend hat die Bundespolizei einen Lastwagen gestoppt, auf dessen Ladefläche 51 Menschen eingepfercht waren. 20 Männer, 14 Frauen, zehn Jungen und sieben Mädchen drängten sich auf der Ladefläche, neben Metallblechen und Teppichen. Menschliches Frachtgut, abkassiert von Schleusern und transportiert hinter verplombten Türen, um Kontrollen zu vermeiden. Ohne Wasser, ohne Proviant. Ihre Flucht nach Deutschland traten sie von Rumänien aus an, denn dort waren sie bereits als Flüchtlinge registriert. Offenbar waren ihre Lebensbedingungen dort so unerträglich, dass sie ihr Leben riskierten, um nach Deutschland zu gelangen. Gut möglich, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, sie darüber aufzuklären. 

Es gibt in Berlin viele Tageszeitungen, die untereinander in starker Konkurrenz stehen. Bei der Behandlung des Themas waren sich aber alle ziemlich einig. Weil der Laster bei Müllrose aus dem Verkehr gezogen wurde, stehen die Artikel darüber auf den Brandenburg-Seiten. Auch bei uns in der Berliner Zeitung. Es ist ja auch logisch, schließlich haben wir alle über die waghalsigen Bootsfahrten durch das Mittelmeer nur noch dann berichtet, als es um den Streit zwischen Rettungsorganisationen und italienischer Regierung ging.

2015 war das Jahr des Flüchtlingsleids

Die Balkanroute ist dicht, auch über das Mittelmeer kommen jetzt weniger. Die Schlepper haben ihr Geschäft auf die Straße verlegt. Türkische Speditionen fahren ihre illegale Fracht über Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Tschechien nach Deutschland. Die Bundespolizei ist dran. Und wir Bürger registrieren den Umstand mehr oder weniger geschäftsmäßig. Vor zwei Jahren hatten wir mehr Mitgefühl. 2015 war das Jahr des Flüchtlingsleids.

In Österreich wurde bereits damals ein Lastwagen mit Flüchtlingen aufgebracht – aber zu spät: 71 Flüchtlinge waren qualvoll erstickt. Ihr Schicksal erschütterte die Welt. Heute, nach so vielen tausend Toten im Mittelmeer, klingt so ein Satz fast kitschig. Aber damals fielen noch ganz andere Sätze. Wir schaffen das, sagte die Kanzlerin. Und wurde sogar emotional. Sie öffnete quasi im Alleingang die deutsche Grenze für den Flüchtlingsmarsch und erklärte ihren Gegnern, wenn man sich hier für Humanität entschuldigen müsse, dann sei das nicht mehr ihr Land.

Thema Einwanderung bewegt die Deutschen

Dann kamen die Flüchtlinge und wurden an den Bahnhöfen mit Applaus empfangen. Jeder Film, der ein perfektes Happy-End sucht, würde hier enden. Aber im richtigen Leben geht es nun mal weiter. In den vergangenen zwei Jahren haben wir begriffen, dass mit den Flüchtlingen auch eine Menge Probleme nach Deutschland kamen. Haben wir das begriffen?
Umfragen kommen stets zum gleichen Ergebnis: Das Thema Einwanderung bewegt die Deutschen zur Zeit am meisten. Vor vier Jahren hat das noch gar keine Rolle gespielt. Da war die Arbeitslosigkeit vorne, die nun weit nach hinten gerutscht ist. Es geht uns Deutschen also gut, aber wir haben wieder Angst vor Fremden.

Mal ehrlich: Als Sie am Sonnabend gehört haben, dass es im Brandenburger Lkw keine Toten gab – haben Sie da nicht auch als nächstes darüber nachgedacht, wie viele Lkw mit illegalen Einwanderern wohl regelmäßig unentdeckt nach Deutschland fahren? Die 51, die in Müllrose aufgegriffen wurden, haben erst Asylanträge gestellt, obwohl sie vermutlich keine politisch verfolgten Menschen sind. Mittlerweile sind die meisten verschwunden. So oder so können sie eine Weile in Deutschland bleiben. Und setzen eine sinnlose Behördenmaschinerie in Gang.

Noch immer kein Einwanderungsgesetz

Das ist der eigentliche Skandal. Nach zwei Jahren Diskussion über Zuwanderung, Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende hat dieses Land noch immer kein Einwanderungsgesetz. Zu uns kommen darf, wer es lebend über das Meer und dann über die Grenze schafft, irgendwie. Das ist falsch. Denn es sagt nichts darüber aus, wer wirklich Schutz vor Verfolgung braucht. Und es gibt jenen, die wir gut bei uns gebrauchen können, zu wenig Chancen, ihr Glück zu machen.

Im TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz gab es nur Floskeln dazu. „Fluchtursachen bekämpfen“ war die eine. Und dass kriminelle Flüchtlinge nicht hierher gehören, die andere. „Die fliegen raus aus Deutschland“, versprach Schulz im Duell mit Angela Merkel. Die halbe Sendung befasste sich mit der Flüchtlings-Problematik, aber eigentlich ging es nur um Abschiebung. Wann sind die endlich alle wieder weg? Das böse E-Wort wollte keiner in den Mund nehmen. E wie Einwanderungsgesetz. Aber wir werden nicht darum herumkommen. Jetzt geht es nicht mehr um Mitleid, es geht um Gerechtigkeit.