Martins Wohnung ist schon weg. Man sieht nur noch die Küchenwand, halbhoch gefliest. Daneben, wo sich die Tür befand, klafft ein Loch in der Mauer. Martin war in der Kindergartengruppe meines Sohnes. Die beiden haben auf dem Hof zusammen gespielt, wo ein Klettergerüst war, eine Tischtennisplatte und ein Motorrad, auf dem man wippen konnte. Auf dem Hof stehen jetzt die Abrissbagger. Es sieht so aus, als habe jemand eine Ecke von dem Haus abgeknabbert.

"Für mich war das Luxus"

Ich habe gezögert, ob ich nochmal herkommen soll. Es war ja auch mein Haus. 1992 bin ich hier eingezogen, mit Wohnberechtigungsschein. Da hieß die Wilhelmstraße noch Otto-Grotewohl-Straße. Die Frau vom Amt überreichte mir den Besichtigungstermin wie einen Sechser im Lotto. Mein Freund und ich liefen durch das Haus, das noch Baustelle war und stellten uns vor, welche der Wohnungen unsere werden könnte.

Es waren Plattenbauwohnungen, in der DDR geplant, im vereinigten Deutschland fertiggestellt, jede war ein bisschen anders geschnitten, mit Zentralheizung, Bad,  Balkon. Für mich war das Luxus. Der Vater meines Freundes verlegte Laminat und ersetzte die Durchreiche zwischen Küche und Wohnzimmer durch einen schlichten Holzrahmen. Vom Fenster aus sah man das Brandenburger Tor, den Reichstag, den Tiergarten.

Ku’damm des Ostens

Nebenan war die Schwimmhalle der Russischen Botschaft, im Erdgeschoss ein Steakhaus. Der Koch trug eine große weiße Mütze und winkte aus der Küche meinem Sohn zu, wenn wir das Haus verließen. Der Hausmeister sagte, die Straße werde mal der Ku’damm des Ostens.

Als ich auszog, war der Blick bereits verbaut und die Straße so befahren, dass man das Fenster kaum öffnen konnte. Der Spielplatz verfiel, die Fassade wirkte grauer als früher, die Deckenhöhe niedriger, der Balkon kleiner. Vom Ku’damm des Ostens war keine Rede mehr. Wenn wir in der Gegend waren, sagten wir dem Koch Hallo.

Letzte Erinnerungsfotos

Martins Mutter traf ich vor vier Jahren noch einmal wieder. Es war auf einer Anwohnerversammlung, auf der es um den Abriss des Hauses ging, das vom Senat an einen Schweizer Immobilienunternehmer verkauft worden war. Sie saß in der ersten Reihe und sagte mit Tränen in den Augen, sie wolle hier nicht raus. Hier sei ihr Sohn geboren und zur Schule gegangen, das hier sei ihr Kiez.

Sie fangen von der Seite mit dem Abriss an. Bei Martin ist fast alles schon weg. Bei uns fehlen die Dachziegel. Man kann jetzt praktisch direkt in das Kinderzimmer und in unser Schlafzimmer sehen.  Es ist ein komisches Gefühl, irgendwie finde ich, das gehört sich nicht. Ich stehe auf der Straße, gucke nach oben und mache zum Abschied  ein paar Erinnerungsfotos vom letzten DDR-Plattenbau, der mal mein Zuhause war.