Wer heute 30 Jahre alt ist, der erlebte, wie Berlin Jahr für Jahr um die 3.400.000 Einwohner schwankte. 1995 waren es 3.471.418. Im Jahre 2000 sank die Einwohnerzahl auf 3.382.169. Das war der niedrigste Stand in jenen Jahren. 2011 knackte Berlin die Marke von 3.500.000. So viel Einwohner hatte die Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gehabt.

Das Berlin, das wir heute kennen, kam erst durch die Bildung der „Einheitsgemeinde Groß-Berlin“ im Jahre 1920 zustande. Bis dahin waren Charlottenburg mit 322.766, Neukölln (262.127), Berlin-Schöneberg (175.092), Berlin-Lichtenberg (144.643), Berlin-Wilmersdorf (139.406) und weitere 23 Städte und Gemeinden selbstständig gewesen. Das neu entstandene Großberlin hatte am 31. Dezember 1920 exakt 3.879.409 Einwohner. Berlin war damit flächenmäßig nach Los Angeles die zweitgrößte Stadt der Welt. Zählt man die Bevölkerung, stand Berlin nach London und New York an dritter Stelle. Berlin wuchs in den 20er Jahren weiter. Die Vier-Millionen-Hürde wurde schon am 16. Juni 1925 genommen. 1931 und in den folgenden Jahren knickte das Wachstum ein wenig. Vier Millionen Einwohner hatte Berlin erst wieder 1941. So viel wie im Jahr darauf, nämlich 4.361.398, hatte Berlin dann nie wieder gehabt. Bei Kriegsende waren es nur noch um die drei Millionen. Allerdings sind diese Zahlen nicht sehr aussagekräftig. Viele Menschen waren erst vor den Bomben, dann aus dem zerstörten Berlin geflohen, aber viele werden auch dort Unter- und Auskommen gesucht haben. Über diese Fluchtbewegungen gibt keine Statistik Auskunft.

Das Berlin der Zwanzigerjahre war nicht nur Kunst, Literatur und Revue, es war auch Massenarmut und Arbeitslosigkeit. Es war eine Stadt, in der es immer wieder zu militanten Demonstrationen und massiven Polizeieinsätzen kam. Eine Reihe politischer Parteien hatten eine „Armee-Fraktion“, einen bewaffneten Arm. Es gab die Goldenen Zwanziger. Aber die Luft war sehr bleihaltig und für die meisten der vier Millionen Berliner war es eine Zeit gescheiterter oder scheiternder Hoffnungen.

„Sagen Sie, wo sind die Slums?“

Die neuen Prognosen des Senators für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel, gehen davon aus, dass Berlin 2020 wieder knapp vier Millionen Einwohner haben könnte. Diese Hochrechnungen sind – so ist das nun einmal – hoch spekulativ. Aber eine Verwaltung ist nicht zuletzt dafür da, sich Gedanken über die Zukunft zu machen.

Der Blick in die Vergangenheit schärft den in die Zukunft. Das Vier-Millionen-Berlin war arm. Ganze Stadtteile waren zerfallen. Nicht zu vergleichen mit dem heutigen Berlin. Die Augen über Berlin wurden mir 1987 geöffnet. Ich lebte seit acht Jahren in West-Berlin. Das kam mir im Vergleich zu den westdeutschen Städten, aus denen ich kam, ziemlich abgewrackt vor. Zur Internationalen Bauausstellung waren viele Architekten und Städteplaner nach West-Berlin gekommen. Ich zeigte einer amerikanischen Gruppe die Stadt. Ich diente mehr als Dolmetscher, denn sie wussten genau, was sie sehen wollten. Wir hatten Marzahn und Zehlendorf gesehen. Jetzt saßen wir beim Mittagessen und unterhielten uns. Da fragte einer der Männer – es waren alles Männer – „Sagen Sie, wo sind die Slums?“ Ich blickte sie überrascht an, stockte einen Augenblick und musste als linksradikaler Kritiker unserer, meiner Gesellschaft antworten: „Es gibt keine“. Man glaubte mir nicht. Aber ich hatte in diesem Augenblick etwas über unser Land gelernt. Dann fragte man mich, ob es in Ost-Berlin Slums gebe. Ich meinte, es gebe vieles nicht in Ost-Berlin, aber eben auch keine Slums.

Ein italienischer Dichter, mit dem ich etwa zur selben Zeit durch West-Berlin streifte, meinte zu mir: „Berlin ist wie Meran, ein Kurort.“ „Wir sind hier in Zehlendorf“, lachte ich, „am Reuterplatz um die Technische Universität herum wirst Du jede Menge junger Leute sehen.“ „Das meine ich nicht. Stelle Dich auf den Kudamm und denke an Rom oder Mailand. Berlin ist die Ruhe selbst. Kein Gehupe, keine Staus.

Wir schaffen gerade Slums

Verkehrsmäßig hat Berlin ein wenig aufgeholt. Werden wir uns jetzt auch darauf einrichten müssen, Besuchern eines Vier-Millionen-Berlins Slums zeigen zu können? Wir sind ja gerade dabei, welche zu bauen. Ich weiß, Slums werden nicht gebaut. Aber etwas, das nur als Baumasse hingestellt wird, um möglichst vielen kaum mehr als ein Dach über dem Kopf zu bieten, das wird sehr schnell zu einem Slum. Wenn wir für die Hunderttausenden, die kommen werden, nichts als Notunterkünfte bereitstellen, dann haben wir offenen Auges Slums errichtet. Mit allen Folgen.

„Wir schaffen das“ – hat die Kanzlerin gesagt. Ich mag diesen Satz. Die meisten von uns liebten ihn, als ihn ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat in seiner Sprache sagte. „Yes, we can“ ist eine selbstbewusste Parole. Sie strotzt vor Kraft und Optimismus. Man braucht das, wenn man vor schwierigen Aufgaben steht. Man sagt „Wir schaffen das“, weil man weiß, dass man nicht genau weiß, was „das“ ist. Zu unklar ist, was auf einen zukommt.

Man muss sich auch deutlich machen, dass man nicht sagen kann, wer das „wir“ in „Wir schaffen das“ ist. Einige gehören nicht zum Wir, weil sie es nicht schaffen wollen. Manche können es nicht und hinzukommt: Wenn immer es um Neubürger geht, sie mögen aus Singen oder Syrien kommen, verändert sich das „Wir“. Sie gehören, selbst wenn sie noch keine Berliner sind, doch schon zu dem „Wir“, das diese Stadt schafft. In dem einen oder in dem anderen Sinn.