Markus Söder hat sich den Ruf, einer der schamlosesten Politiker dieser Republik zu sein, mit großem Fleiß erworben. Mit der Kruzifix-Aktion vom Dienstag hat der 51-Jährige seinen Ruf nun eindrucksvoll gerechtfertigt. Söder hantiert mit einem zentralen Symbol des Christentums wie mit einem Wahlplakat, auf das die CSU noch dazu das Copyright erhebt.

Er entwertet das Symbol aber auch inhaltlich, indem er es zu einem kulturellen statt zu einem christlichen Symbol erklärt. Dabei steht das Foto, auf dem Bayerns Ministerpräsident das Kreuz hält, für sich. Es scheint ein bisschen so, als hielte er eine Waffe in der Hand – keine richtige, sondern eine politische Waffe. Demnach ist das Christentum nichts mehr, was die Christen selbst bindet und ihnen buchstäblich etwas zumutet.

Im Gegenteil, es wird im Kampf der Kulturen zur Zumutung für andere, vorzugsweise den Islam. Ohnehin ist es kein Zufall, dass die viel beschworene christlich-abendländische Kultur den Europäern und mit ihnen den Deutschen in dem Maße zur Selbstvergewisserung herhalten muss, in dem die Zahl der Gläubigen und Glaubenskundigen schwindet. Dass jene, die das Kruzifix jetzt gegen Söder verteidigen, eine Kirche oft schon seit längerem ebenfalls nicht mehr von innen gesehen haben, ist kein Widerspruch dazu, sondern passt ins Bild. Auch manchen von ihnen bedeutet das Kreuz wenig. Nur für den Anti-Söder-Kampf ist es noch gut genug.

Söder ist nicht der einzige Politiker, der zum Kreuzzügler wird. Er ist diesseits der AfD jedoch der Einzige, der die Grenzen der Scham überspringt – zuweilen so schamlos, dass es quietscht.