Wer erwartet hat, dass diese documenta 100 Tage lang lukullische Bildpracht entfalten würde, die den Kunsthunger nach Schönem, Edlem, Idealem stillen würde, muss naiv sein. Die Kasseler documenta war schon bei ihrer Gründung 1955 politisch. Damals suchte man mit der Nachkriegsavantgarde den Anschluss an die von Hitler verfemte Vorkriegsmoderne. Und spätestens seit der siebten Ausgabe, als der Kunstmahner Joseph Beuys seine 7000 Eichen pflanzte, wurde jede nachfolgende Weltkunstschau direkter – auch anstrengender. Sie lenkte den Blick auf die dunklen Flecken der Welt.

Ausgesprochen spröde, unverblümt, auch bisweilen kryptisch war schon der allererste Eindruck  der documenta 14. Und doch zugleich herausfordernd, aufrüttelnd, erhellend: Die Kunst befasst sich mit der Welt, wie sie ist, nicht mit einem fernen, verlogenen Arkadien.  Realitäten, nicht vorgetäuschte Ideale sind der Stoff, aus dem all die Installationen, Skulpturen, Bilder, Filme, öffentlichen Aktionen der Künstler aller Kontinente entstanden.

 Gleich am ersten Tag  fesselte mich am Kasseler Königsplatz ein  grauer Obelisk, 16 Meter hoch. Den hat der  Nigerianer Olu Oguibe aufgestellt. In Griechisch, Arabisch, Englisch und Deutsch steht auf dem Beton in Goldlettern zu lesen, was von Jesus in der Bibel (Matth. 25,35) steht: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“ Auf den Bänken ringsum sitzen „Fremdlinge“, lesen den arabischen  Schriftzug. Womöglich ist der Platz mit besagtem Obelisk eben darum für viele in Kassel aufgeschlagene Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten  ein  Ort, der sie anzieht – ein Versprechen. Derart  politisch  scharfgestellt, intelligent und zugleich subtil sind viele Beiträge.  Das Kind mit dem Bade allerdings schütten  documenta-Performer aus, die, wie dieser Tage, eine  weltweit Empörung auslösende Aktion „Auschwitz on the Beach“ anberaumen, wo Europas Flüchtlingspolitik  bedenkenlos mit dem Holocaust durch das NS-Regime  gleichgesetzt wird.  Notdürftig die  Schadensbegrenzung, als documenta-Chef Adam Szymczyk den drohenden Eklat kurz vor ultimo abwandte – allerdings „nur“ ein  Missverständnis  nannte.

Kunst darf, soll, muss aufsässig sein, Aber wenn das nach hinten losgeht, wenn sie den Sack schlägt statt  den Esel, dann läuft was gründlich schief. Und nicht bloß wegen solcher fataler Provokationen  wird geschimpft, verschaffen Besucher ihrer Enttäuschung  Luft, häufen sich  ungläubige, ironische bis harsche Schlagzeilen in den Medien und Kommentare in den sozialen Netzwerken: Wie könne eine Großschau, die – und deren Jet-Set-Kuratoren – durchweg großzügig vom  Staat  wie vom Kapital mit 34 Millionen Euro finanziert werden, glaubwürdig auftreten  gegen das System – staatsfern, antikapitalistisch? Die documenta 14   will wie  keine andere zuvor diese Welt umkrempeln, Medium sein gegen Unrecht, Ungleichheit und Unterdrückung? Zugespitzt  gilt also der Schlachtruf  früher linker Avantgarden: Kunst als Waffe. Schwert und Schild im Kampf der Ideologien: Weg mit dem Kapitalismus, Schluss mit der Milliardenindustrie Kunstmarkt. Alle Macht den Künstlern und  Kuratoren. Und nach  der Schlacht kann man sich ja dann ganz locker bei den von Großkonzernen gesponserten Partys treffen.

Aber genau das ist es, was Zweifel auslöst. Die Massen strömen,  sind aber auch skeptisch. Seit die Kunst zu einer Be-Deutungshoheit und in astronomische Preisgefüge gelangt ist, wovon andere Bereiche und Märkte nur träumen können, seit Kunstereignisse sich zu Massen-Events auswachsen, bei denen  Dabei-Sein  mehr gilt als Inhalt,   hat Kritik es schwerer. Die Zahlen besagen enormen Zuspruch:  Zur Halbzeit  meldete die  bis 17. September laufende 100-Tage-Schau Rekord: Nach  Kassel reisten bis vorletzte Woche 450.000 Besucher.  Und schon beim Teil eins  des aller fünf Jahre die globale Kunst-Karawane in Bewegung setzenden  Marathons in Athen kamen 320.000, trotz der steilen Askesen-These „Von Athen lernen“.

Nur: Das System Kunst existiert eben  nicht  als Weltverbesserungs-Armee, als schnelle Eingreif-Truppe. Und vom Kapital ist der Kunstbetrieb schon gar nicht zu trennen. So schwebt ein  gewisses Unwohlsein im  Kasseler Raum. So eine Art von Verstörung  selbst bei jenen, die  nicht der  kategorischen Meinung sind, dass man diese Weltausstellung heutzutage nicht mehr brauche. Das stimmt auch nicht. Aber Kunst ist nicht Waffe der Ideologien. Das ging schon im Sozialismus gründlich schief und verendete im Dogma. Kunst zeigt auf, berührt, macht wohl klüger, sensibilisiert. Und ermutigt. Kunst ist Kunst.