Einerseits gehe ich davon aus, dass wir Migration nicht verhindern können und Deutschland deshalb in 50 Jahren bunter sein wird. Das ist keine Gefahr. Andererseits müssen Politiker versuchen, diesen schwer steuerbaren Prozess zu regulieren, damit sich Einheimische und Migranten aneinander gewöhnen und gemeinsame Regeln akzeptieren. Das erfordert Zeit. Auch halte ich es für richtig, die eigenen Interessen in einem Einwanderungsgesetz geltend zu machen. Gesetzliche Maßnahmen, die Sozialbetrug und Identitätsschwindel erschweren und die Abschiebung von Kriminellen erleichtern, finde ich angemessen. Um alle diese Fragen wird derzeit gestritten.

Das Volk produziert Fake News

Wie prekär die Stimmung ist, zeigt die im April von der Europäischen Kommission veröffentlichte Umfrage zum Thema „Integration von außereuropäischen Immigranten, die in der europäischen Union leben“. Gemäß dieser Umfrage fühlen sich 61 Prozent der Europäer über Zuwanderung und Integration schlecht informiert. Während sich in Deutschland etwas mehr als die Hälfte der Befragten für gut unterrichtet hält, sind es in Dänemark und Schweden über zwei Drittel; dagegen fühlen sich in Ost- und Südeuropa zwei Drittel und mehr schlecht informiert. 38 Prozent der Deutschen (neun Prozent weniger als im Durchschnitt) behaupten, dass es mindestens genauso viele illegale wie legale außereuropäische Einwanderer gebe. In Wahrheit und sehr großzügig gerechnet können allenfalls zehn Prozent der Zuwanderer als illegal gelten. Erwartungsgemäß glauben vor allem diejenigen an einen weit überhöhten Anteil illegaler Migranten und damit an den Kontrollverlust des Staates, die Zuwanderung ohnehin ablehnen.

Wie häufig das Volk Fake News produziert, belegt auch die Antwort auf diese Frage: „Wie hoch ist der Anteil von Zuwanderern an der Gesamtbevölkerung in Ihrem Land?“ Der Durchschnittseuropäer glaubt, der Anteil betrage 16,7 Prozent, tatsächlich sind es 7,2 Prozent. In Deutschland ist die Lücke zwischen Einbildung und Realität kleiner (13 zu 8,8 Prozent), in Polen riesig (10 zu 1,1 Prozent). Sehr realistisch kalkulieren dagegen die Bevölkerungen Schwedens (12,7 zu 12,4), Estlands (12 zu 13,1) und Kroatiens (11,4 zu 11,3) die Zuwanderung. Offenbar werden sie von ihren Regierungen und Medien bestens informiert.

Differenziertes Wissen fehlt

Natürlich hängen die Antworten vom Bildungsgrad, Alter, Wohnort und Einkommen ab. Konkrete Erfahrung beeinflusst positiv: 25 Prozent der Deutschen haben täglich bei der Arbeit mit außereuropäischen Einwanderern zu tun; 60 Prozent haben in ihrem Freundes- oder Familienkreis keinerlei Kontakt mit Zuwanderern. Wer soziale Spannungen mindern will, sollte gut arbeitenden (abgelehnten) Asylbewerbern fallweise eine Chance geben.

Insgesamt liegen die Deutschen im europäischen Mittelfeld: Sehr viele sehen Zuwanderung sowohl als Problem wie als Chance. Auf dieser gesellschaftlichen Grundlage lässt sich gute und auch menschenfreundliche Politik entwickeln. Was nach der Umfrage aber fehlt, ist differenziertes Wissen über Fakten, ernste Probleme und Vorzüge der Zuwanderung. Es müsste also (auch in den Medien) weniger gemeint und stattdessen mehr informiert werden. So lassen sich falsche Vorstellungen, verständliche Ängste und rechtsnationalistische Propaganda zwar nicht beseitigen, aber doch zurückdrängen.