Berlin - Die Routine eines typischen deutschen Fernsehwahlabends aus Prognosen und Hochrechnungen ließ zunächst darauf schließen, es mit einem gewöhnlichen Urnengang zu tun zu haben. Alles lief wie am Schnürchen, zumindest, was die Balkendiagramme angeht. Und auch die damit dargestellten Ergebnisse dürften kaum jemanden erschreckt haben.

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Der Niedergang der SPD, den kein ernstzunehmender Demokrat sich als unaufhaltsamen wünschen kann, schreitet voran. Die Sozialdemokraten haben es nicht vermocht, ihre Europa-Kompetenzen zur Geltung zu bringen, und dass sich die abermaligen Verluste im zweistelligen Prozentbereich bewegen, markiert angesichts von Gruppierungen, die sich über Tiere und Satire für ihren Einzug ins EU-Parlament empfohlen haben, die besondere Tragik der so stolzen Partei. Es rumort in der SPD, aber da weder von der Europawahl noch dem Ausgang in Bremen ein Befreiungsschlag zu erwarten war, droht nun eine zersetzende Führungsdebatte mit beschränkter Hoffnung. Weder Revolte noch Kontinuität scheinen der SPD derzeit einen Weg zu weisen, der sie aus dem gewaltigen Vertrauensverlust herausführt.

Die Erosion der Volksparteien hat auch die CDU erfasst

Die Erosion der Parteien alter Prägung hat zweifellos auch die CDU erfasst. Und obwohl die Verluste der Union durch Umfragen bereits in den Erwartungshorizont eingepreist waren, ist nun mehr als deutlich geworden, wie schwer ihr und der CSU der Weg in die Post-Merkel-Ära noch werden wird. Beim Fußball sucht man in solch einem Fall nach jungen Kräften, die den Umbruch einleiten können. In der Politik aber melden sich auch jene zurück, die zuvor glaubten, übersehen worden zu sein. Auch wenn die Machtbasis der Union noch immer groß genug ist, erwächst aus dem Gefühl erlittener Kränkungen keine neue Politik. Wer immer künftig in Europa die deutschen Interessen zu vertreten hat, wird dies im großen Schatten von Angela Merkel tun.

Grüne haben Europa am besten begriffen

Aber wahrscheinlich sind das alles Überlegungen, die sich zu sehr auf den engen Radius parteipolitischer Strategiespiele beziehen. Die hohe Wahlbeteiligung ist ein starkes Indiz dafür, dass an diesem Wochenende eine Europa-Wahl stattgefunden hat, bei der sich der Blick tatsächlich auf eine heterogene, aber durchaus zusammengehörende europäische Staatengemeinschaft gerichtet hat. Erstmals jedenfalls scheinen die Wahlen in den Mitgliedsländern der EU nicht nur als Verlängerung nationalstaatlicher Fragen in den europäischen Politikraum aufgefasst worden zu sein.

In Deutschland haben das die Grünen am besten begriffen und sind dafür mit deutlich über 20 Prozent der Stimmen belohnt worden. Sie sind auf dem Weg zu einer modernen europäischen Interessenvertretung, die sich nicht länger am Verlust des Ideals einer Volkspartei abarbeitet. Grün schlägt rot, weil die Grünen die Ideen von leistungsfähigen Zukunftstechnologien mit der Verpflichtung zur Bewahrung natürlicher Ressourcen verbinden und auch jungen Wählern als akzeptable Repräsentanten einer ernstzunehmenden Klimapolitik erscheinen.

Dazu gehört ganz unmittelbar die Erkenntnis, dass es Europa als ein harmonisches Ganzes ohnehin nicht gibt. Die österreichische Farce um die FPÖ, deren Führung sich als korrupte Schmierenkomödianten mit krimineller Energie erwiesen hat, wirft ja auch ein Schlaglicht auf die innere Verfassung rechtspopulistischer Formationen insgesamt, die für die Aussicht auf einen Zugewinn an Macht auch vor Landesverrat nicht zurückschrecken. Dass die FPÖ ihre Wählerschaft dennoch hinter sich zu versammeln vermochte, darf als eine Art Trotzreaktion der Beschämten angesehen werden. Dabei wäre es falsch, die österreichische Staatsaffäre als Niederung eines mit sich selbst ringenden politischen Systems abzutun. Die heftigen Erschütterungen, die das Ibiza-Video ausgelöst hat, sind vor allem ein Beweis dessen, dass die demokratischen Mechanismen noch in Takt sind.

Eine Wiedergeburt der Sozialdemokratie ist möglich

Es wird nun insgesamt darauf ankommen, das Kopfschütteln und die Empörung wieder in eine politische Zukunftserwartung zu verwandeln, die weniger ängstlich auf die Politikverachtung von rechts schaut. Die anhaltende Schockstarre über eine mit Aggression und Rücksichtslosigkeit betriebene gesellschaftliche Spaltung löst sich auch nach dieser Wahl keineswegs auf. Die Erfolge dieser sich nicht zuletzt auch mit Hilfe der sozialen Medien stark emotionalisierenden und vereinfachenden Politik der Angst sind nicht von der Hand zu weisen.

Aber das Ergebnis der Niederlande zeigt, dass sogar eine Wiedergeburt der Sozialdemokratie möglich scheint, wenn sie sich nicht hinter eine kleinlich und technokratisch wirkende Sozialpolitik verschanzt, sondern so aufgeschlossen und freundlich daherkommt wie Frans Timmermans. Bei aller Schwierigkeit, europäische Politik anschaulich zu machen, war er das Gesicht dieser Wahl.