Hey, Berlin-Bashing ist wieder in. Jetzt schnell mitmachen! Ist eine Supersache, nicht schwer, macht viel Freude, bringt Klicks und Likes und Follower, ist allerdings auch fix wieder vorbei. Zurzeit ganz heiß: Draufhauen aufs Lageso, auf die "schlechteste Behörde Deutschlands", wie Münchens SZ-Friedensrichter Heribert Prantl gerade den Deutschen erklärt. Auf SpiegelOnline liest man mit leicht gequältem Wortspiel sogar von der "Failed Stadt".

Wer's nicht gleich versteht: Berlin wird so auf eine Stufe mit "failed states" wie Irak, Sudan oder dem Jemen gestellt. Grund? "Schrott liegt wochenlang auf der Straße herum", schreibt die SpOn-Autorin. Na bitte. Das erklärt die Flüchtlingsströme. Wenn auch nicht ganz ihre Richtung.

Berlin-Bashing, das periodische Auskotzen über die Zustände in der deutschen Hauptstadt, ist eines der beliebtesten und am schnellsten herzustellenden publizistischen Produkte - allerdings immer nur trendweise. Man muss schon aufpassen, was gerade angesagt ist, sonst läuft die Sache nicht. Denn das ebenso häufige und geläufige Gegenstück ist bekanntlich der Berlin-Hype – nicht selten von denselben Redaktionen (wenn nicht gar Autoren) verfasst, nur etwas zeitversetzt.

Berlin hat die härtesten Hassprediger und den besten Hummus

Also immer erst mal in die Timeline schauen, was gerade geht. Es ist nun auch nicht so, dass Berlin es seinen Basherinnen und Bashern sonderlich schwer machen würde. Ebenso wenig übrigens seinen Lobhudlern. Das ist es ja, hier geht immer beides, jederzeit, und zwar Wange an Wange: Ämterwahn im Lageso, Hipsteralarm im Soho. Höchste Sozialhilfequote, höchstes Wagniskapital für Startups. Tempelhofer Freiheit, Tempelhofer Flüchtlingslager. Schrott auf der Straße, Wedding, Billigmiete - kein Schrott auf der Straße, Prenzlauer Berg, 16 Euro den Quadratmeter. Multikulti in Kreuzberg, Neonazi in Lichtenberg. Berlin hat die härtesten Hassprediger und den besten Hummus diesseits der Levante. Berlin hat den Sozialpalast und Schwanenwerder. Berlin ist so dreckig wie keine andere Stadt. Und so grün.

Berlin hat eben alles für alle, deswegen hocken ja auch die meisten Berlin-Basher irgendwo in Mitte bei ihrem Lieblingskoreaner und nippen am Pu-Erh-Tee, wenn sie ihre Schmähschriften ins iPad Air hacken.

Der Berliner selbst, daran erkennt man ihn, nimmt die stets im hohen Ton vorgetragene Aufregung über die untragbaren Zustände in der Hauptstadt hin wie das sanfte Plätschern der Wellen am Müggelsee. Wenn Marietta Slomka im Heute-Journal mit bebender Stimme deklamiert, beim Thema Bürgeramt könnte man im "restlichen Deutschland" nur staunen, wie sich "die Hauptstadt als Bananenrepublik" präsentiere, dann möchte man ihr zurufen: Immerhin Bananen – das war hier nicht immer so! Und übrigens: Wer unbedingt ins Bürgeramt muss – wie wäre es ausnahmsweise mal mit früh aufstehen und Nummer ziehen? Hat noch immer geklappt.

Die am wenigsten deutsche Stadt

Doch was soll's. Der nächste Hype kommt bestimmt. Und vielleicht hat Slomka auch irgendwie Recht. Vielleicht liegen die abwechselnden Tsunamis aus Lob und Tadel wirklich daran, dass Berlin die am wenigsten deutsche Stadt Deutschlands ist. Im Guten wie im Schlechten. Und noch etwas ist wahr: Das Lageso mag die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg (das liegt in Bayern) als schlechteste Behörde der Republik abgelöst haben. Aber wenn dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, dessen Leiter soeben geschasst wurde, eines nicht zu wünschen ist: Dann, dass ein gelernter Journalist der neue Chef wird. Bitte, bitte nicht! Das kann nicht gut gehen. Ich weiß, wovon ich spreche.