Meistens schreibe ich über Hitler, den Syrienkrieg, den verworrenen Berliner Senat, sprachlichen Genderunsinn oder über die sonstige Welt, und normalerweise bleiben meine verehrten Leser freundlich und überwiegend gut gelaunt. Dreht sich eine meinungsfreudige Kolumne jedoch um die deutschen Systeme der Alterssicherung, geraten nicht wenige in Wallungen: Manche verirren sich in die Gossensprache, andere formulieren sachlichen Widerspruch, ein relativ kleiner Teil äußert Beifall.

Um eines zum wiederholten Mal klarzustellen: Ich bin für eine Grundrente – aber aus staats- und wirtschaftspolitischen Erwägungen bin ich prinzipiell dagegen, den Anteil von Sozialleistungen am Bundeshaushalt von derzeit 57 Prozent zu steigern. Er sollte sogar um einige Prozentpunkte gemindert werden, um die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder wenigstens etwas sicherer zu machen. Dazu bedarf es hoher Investitionen in die Infrastruktur, in Bildung und Forschung, ebenso sind Hilfen für notleidende Menschen in anderen Erdteilen zwingend geboten, Beiträge zur Stabilisierung der Europäischen Union und – Sie lesen richtig! – viele Milliarden Euro zur Modernisierung der Bundeswehr. Nicht zuletzt brauchen Unternehmer und Selbstständige den finanziellen Spielraum, um aus freien Stücken Innovationen voranzutreiben und zu investieren.

Folglich lehne ich generelle Steuererhöhungen zugunsten weiterer sozialer Wohltaten ab und befürworte energisch das Ende des Solidaritätszuschlags. Diejenigen, die heute in der SPD und der Linken von Enteignung daherreden und immerzu gegen die „Schwarze Null“ agitieren, sind im Prinzip dieselben, die bis vor kurzem das Regime in Venezuela als „Modell für den Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ darboten. Auch vergessen diese Freunde des Sozialismus gerne, warum das Rentenproblem in der DDR relativ klein blieb: Dort starb man 1989 nämlich zweieinhalb Jahre früher als im Westen.

Wie aber soll ohne zusätzliche Mittel die von mir sehr erwünschte Mindestrente eingeführt werden? Ganz einfach: Indem jene Rentner und Pensionäre, die sich überdurchschnittlich hoher Altersbezüge erfreuen, etwas abgeben – also weniger bekommen. Ich zum Beispiel. In der Schweiz gibt es dieses System schon lange: Es basiert auf einer pauschalen Abgabe von zehn Prozent auf alle Einkommensarten. Über ein solches Verfahren öffentlich zu reden, sind SPD, FDP, CDU, CSU und Grüne zu feige. Sie fürchten den Volks-, Beamten-, Ärzte- oder Steuerberaterzorn. Aber mit ihrem gegen den verdienstvollen Franz Müntefering gerichteten Rückfall in die „Rente mit 63“ stabilisierte die SPD das herrschende Umverteilungssystem. Die vorzeitige Verrentung beanspruchen nämlich vor allem diejenigen, die hohe Altersbezüge erwarten: die Freunde der Kreuzschifffahrt, des Winters auf Teneriffa oder des Frühlings auf dem Jakobsweg. Kassiererinnen im Supermarkt und Hilfspflegerinnen im Krankenhaus können sich die Frührente nicht leisten.

Die 2014 eingeführte „Rente mit 63“ kostete bis Ende 2016 einschließlich der Ausfälle an Steuern und Sozialbeiträgen satte 12,5 Milliarden Euro. Damit hätte man bequem eine Mindestrente finanzieren können. Aber die SPD wollte diejenigen begünstigen, die – altmodisch gesprochen – zur Facharbeiter- und Angestelltenaristokratie zählen.