Drogenhandel, Taschendiebstahl, Raub, Körperverletzung, Clankriminalität: Wenn die Straße, die ich Zuhause nenne, eine Strafakte hätte – sie wäre lang. Die Neuköllner Hermannstraße gilt bei der Polizei als einer von zehn Kriminalitäts-Hotspots in der Stadt. Das bedeutet, die Beamten dürfen hier ohne einen Anfangsverdacht Personen durchsuchen und ihre Identitäten feststellen. Dort, wo ich jeden Tag zur U-Bahn laufe, im Sommer ein Eis essen gehe und im Winter durch die Dämmerung spaziere, ist Berlin den Zahlen zufolge am gefährlichsten.

Manchmal fragen ältere Kollegen oder Bekannte mit Kindern, wie es sich lebt in der Hochburg des Verbrechens. Bis vor kurzem lautete die Antwort stets, dass sicher manchmal Aggressivität in der Luft hängt, wenn zum Beispiel vorn in der Straße vor der Shisha-Bar Männer aneinander geraten. Dass man sich nachts manchmal umguckt, bevor man die Haustür aufschließt. Aber dass sich selbst der letzte Schuhkarton eben nach Zuhause anfühlt, sobald dort Seilschaften zum Späti, zum Nachbarn oder bloß zum dicken Kater vor dem Fenster bestehen. Und dass außerdem vieles, was die Zahlen beschreiben, in einem Paralleluniversum passiert, das für Normalbürger unsichtbar bleibt.

Greifbare zahlen der Kriminalitätsstatistik

Seit ich jedoch die Fahrradroute von der Arbeit nach Hause geändert habe, lautet die Antwort anders. Statt wie früher die Hermannstraße hinunter, fahre ich nun am Rand des Tempelhofer Felds entlang. Schlicht, weil mir auffiel, dass das schneller geht. Dort stand neulich gegen Mitternacht ein Auto mit laufendem Motor auf einem unbeleuchteten Fußgängerpfad und schickte per Scheinwerfer Lichtsignale vor zur Hermannstraße. Dort parken manchmal Wagen mit beschlagenen Scheiben, in denen sich Klamottenberge türmen und aus denen Stimmen dringen. Dort stand kürzlich ein Krankenwagen vor einem Kellereingang, aus dem Sanitäter einen bewusstlosen Körper die Stufen hinauftrugen. Dort, im Schatten der großen Verkehrsader, wurden die Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik plötzlich greifbar.