Kommentar zur ICE-Benennung der Deutschen Bahn: Anne Frank ist keine Werbefigur

Loriot, Heinrich Heine, Bertha Benz: Niemand hat etwas dagegen, dass neue ICE-Züge der Deutschen Bahn (DB) nach diesen Deutschen benannt werden. Doch eine andere Juryentscheidung hat zu einer Kontroverse geführt, und zwar zu Recht. Es ist der Beschluss, einen ICE 4 nach Anne Frank zu nennen – dem jüdischen deutschen Mädchen, das nach einer Denunziation aus ihrem Versteck in Amsterdam geholt und im Konzentrationslager umgebracht wurde.

Auf den ersten Blick verwundert es, dass das Anne-Frank-Zentrum dies für keine gute Entscheidung hält. Was ist dagegen zu sagen, wenn der Name dieses Naziopfers in ganz Deutschland präsent ist? Wenn ein Zug am Morgen in Süd-, am Nachmittag in Norddeutschland an Anne Frank erinnert?

Jeder Fernbahnhof, an dem der Zug hält, könnte zu einem Gedenkort werden

Sicher ist es denkbar, dass es Diskussionen am Bahnsteig gäbe, wenn ein ICE 4 namens Anne Frank einfahren würde. Vorausgesetzt, die Fahrgäste wissen, um wen es sich bei dem Mädchen mit den großen Augen handelt, das da abgebildet ist.

Jeder Fernbahnhof, an dem der Zug hält, könnte ad hoc zu einem Gedenkort für Anne Frank werden, jede Stadt, die an der Strecke liegt, würde an sie erinnert. Name und Bild wären in einem Maße öffentlichkeitswirksam, wie es keine Geschichtsausstellung hinbekommen würde. Und trotzdem: Die Jury und die Bahn sollten die Entscheidung überdenken. Denn an einem Konsens sollte festgehalten werden: dass Opfer der Naziherrschaft kommerzieller Verwertung entzogen bleiben müssen.

Naziopfer kann keine Galionsfigur für die Bahn sein

Der Name Anne Franks gehört nicht an einen eigenwirtschaftlich betriebenen ICE – ebenso wenig, wie ein Flixbus nach Dietrich Bonhoeffer oder ein Hotel im Emsland, wo Carl von Ossietzky im Konzentrationslager litt, nach jenem Pazifisten benannt werden sollte. Einen Zug mit dem Namen und Porträt eines Naziopfers zu versehen, um ihn aufzuwerten, verbietet sich auch aus einem anderen Grund. Es ließe sich missverstehen als Anhaltspunkt dafür, dass unter das schwierige Kapitel Eisenbahn, Deportationen und NS-Vernichtungspolitik ein Schlussstrich gezogen werden kann.

Doch dazu gibt es keinen Anlass. Die Reichsbahn beförderte Millionen Menschen in den Tod. Die Schuld, die sie auf sich nahm, wurde erst spät aufgearbeitet, und sie lässt sich nicht tilgen. Ein Naziopfer kann keine Galionsfigur für die Bahn sein.