Berlin - Mein fast dreijähriger Sohn trägt manchmal Kleider, Haarspangen und Schminke. Er zelebriert sein Geschlecht auf der Wickelkommode mit lauten „Penis“-Rufen. Er trägt Zöpfe, schiebt gerne Kinderwagen, spielt mit Autos und stellt sich fast täglich vor, ein Dinosaurier zu sein. Er darf sich frei entfalten und sein, wer oder was er möchte. Wie wichtig das für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes ist, sollte in Zeiten von #Bodypositivity und #Selbstliebe endlich allen Menschen bewusst werden.

Im Januar hat der Berliner Senat eine Broschüre für Erzieher von Kindertagesstätten herausgebracht, die über sexuelle und Geschlechtervielfalt aufklärt. Die Verbreitung und Nutzung der auf 140 Seiten zusammengetragenen Informationen will die Berliner CDU jetzt stoppen.

Die sexuelle Entwicklung ist ein natürlicher Prozess

Dabei war die Broschüre in einer bunten Stadt wie Berlin längst überfällig. Offen über Transgender, Homosexualität, Penisse und Vaginas, normative und nicht-normative Geschlechter, über die gesamte Bandbreite an queeren Menschen sprechen zu dürfen, sollte 2018 nicht mehr zur Diskussion stehen. Was haben Tabus unserer Gesellschaft schon gebracht?

Denkwürdig ist, dass die CDU die „Ehe für alle“ vor den Bundestagswahlen begrüßt hat, aber ausgerechnet die Berliner Fraktion mehrheitlich dagegen gestimmt hat. Diesen Kurs behält die Partei bezüglich der Aufklärungsbroschüre weiter bei. Auch die Brandenburger AfD wettert wie so oft rückschrittlich gegen das Aufklärungsheft mit dem Namen „Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben“.

Die Parteien werfen mit beängstigenden Schlagworten wie „Frühsexualisierung“ und „pädophilen Hintergedanken“ um sich, offensichtlich ohne jegliche Kenntnis über kindliche Sexualität. Dabei ist die sexuelle Entwicklung von Babys, Kleinkindern und älteren Kindern ein natürlicher Prozess – der erst durch Schamgefühle und Tabus gestört werden kann.

Die Broschüre soll Scham und Mobbing vorbeugen

Mein Sohn hat in seinem dritten Lebensjahr angefangen, Interesse an den zwei Geschlechtsorganen, die ihm im Alltag begegnen, zu zeigen. Er erkennt bei den Mädchen und Jungen aus seiner Kitagruppe einen Unterschied zwischen den Beinen und will die Namen dieser Körperteile erfahren.

Dass eine Scheide nicht unbedingt an einer Frau zu finden ist und ein Penis nicht unbedingt an einem Mann, dass auch zwei Väter ein Kind großziehen und lieben können und dass er Kleider tragen darf, wenn er möchte, ist nicht kompliziert für ihn. Für kleine Kinder ist alles möglich. Kompliziert sind für sie Erwartungen, Regeln und Grenzen, nach denen sie sich richten sollen.

Schon Richard David Precht predigte in seinen Schriften immer wieder, dass unsere Gesellschaft unangepasste, neugierige Menschen heranziehen muss, wenn wir in der Zukunft bestehen wollen. Und wie frei können wir in der Entwicklung unserer Gesellschaft schon voran schreiten, wenn wir uns nicht mal in unseren eigenen Körpern frei fühlen?

Die Broschüre des Berliner Senats soll Scham und Mobbing vorbeugen, indem Kinder von Anfang an das herangeführt werden, was ihnen im späteren Alltag sowieso begegnen wird. Erst recht, wenn sie in Berlin wohnen.