Dass der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, sich eine schwarz-grüne Regierung auch im Bund vorstellen kann, wird niemanden überraschen. Er gehörte in seiner Partei seit langem zu den Befürwortern von Schwarz-Grün. Und seit er selbst eine Koalition mit der Union führt, die augenscheinlich gut funktioniert, wird er sich in seiner Haltung bestätigt fühlen.

Deshalb ist es zwar interessant, wenn Kretschmann ein Jahr vor der Bundestagswahl die Kanzlerin zum Abendessen besucht, eine Sensation  ist es aber nicht. Viel interessanter ist da schon, dass Jürgen Trittin, immer noch mächtiger Parteilinker seine Präferenz für Rot-Rot-Grün räumt. Er kann sich neuerdings auch eine Koalition mit einer von Angela Merkel geführten Koalition vorstellen.

Ist also alles offen im Bund? Im Gegenteil. Mit der offenen Bereitschaft der Grünen für eine schwarz-grüne Option ist diese fast schon unter Dach und Fach. Die große Koalition will keine der Parteien fortsetzen. Rot-Grün hat keine Mehrheit, Rot-Rot-Grün hat angesichts einer mutmaßlich schwachen SPD ein Legitimationsproblem und riesige inhaltliche Hürden.

Nähe zur Union wird Grüne Wähler kosten

Die Grünen sind dumm, dass sie sich in dieser Weise anbieten. Es wird sie Wähler kosten und ihren Preis in möglichen Koalitionsverhandlungen drücken. Genauso dumm war es von der SPD in Berlin, sich vier Wochen vor der Wahl für ein Koalition mit den Grünen auszusprechen, aber nicht dazu zu sagen, dass man für eine Mehrheit die Linken braucht.

Die neue, maximale Flexibilität der Parteien in Koalitionsfragen zieht eine zunehmende Respektlosigkeit den Wählern gegenüber nach sich. Wenn Koalitionen schon ausgehandelt werden, noch bevor eine Wahl stattgefunden hat, braucht man sich über das Desinteresse der Bürger an Wahlkämpfen und mangelnde Beteiligung bei Wahlen nicht wundern.

Die Parteien diskreditieren damit eine Entwicklung, die eigentlich positiv ist. Demokratische Parteien sollten prinzipiell fähig sein, miteinander zu koalieren. Und zwar in unterschiedlichsten Koalitionen. Lagerwahlkämpfe sollten der Vergangenheit angehören. Mehr denn je muss der Zusammenhalt im Land ein wichtiges Kriterium für die Bildung einer Koalition sein. Aber bitte nach Wahlen.