Die linke Sammlungsbewegung „Aufstehen“ nutzt das Sommerloch, um maximale Aufmerksamkeit zu erreichen. Das ist schon einmal ein guter Einfall und ebenso professionell gedacht wie der bisherige Auftritt gemacht. Dazu gehört ein Spannungsbogen, der bis zur offiziellen Präsentation der Plattform am 4. September reicht und neugierig machen soll. Und doch zeigen die paar Tage seit dem Beginn der Kampagne schon all die Widersprüche und Ungereimtheiten, die der deutschen Linken seit hundert Jahren zu eigen sind. Die immer wieder zu Spaltungen und tragischen Fehlentwicklungen geführt haben.

Es beginnt damit, dass die Protagonisten, hartgesottene Parteifunktionäre wie Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, nun den Mythos der Bewegung bemühen, um ihre Ziele angesichts verbreiteter Parteiverdrossenheit verträglicher zu gestalten. Es ist fast zu banal, um festzustellen: Bewegungen, zumal linke, entwickeln sich von unten. Sogar zwei der am linken Diskurs beteiligten Parteien sind so entstanden: Die Grünen vornehmlich aus der Anti-AKW- und der Friedensbewegung. Die Linke in ihrem westlichen Teil aus der WASG, vornehmlich geprägt von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, die sich von der Schröder-Agenda-SPD verraten fühlten.

Nicht mit Frankreich und Italien vergleichbar

Kaum jemand weiß das besser als Oskar Lafontaine, der damals den richtigen machtpolitischen Instinkt hatte, dieser Bewegung sein Gesicht zu geben und sie mit Gregor Gysis Ost-PDS zusammenzuführen. Denn, wie er auch jetzt in erfreulicher Offenheit wieder sagt: „Wir können noch so gute Ziele haben: Wenn es dafür nicht die parlamentarische Mehrheit gibt, ist das schlecht.“

SPD, Grüne und Linke hatten diese rechnerische parlamentarische Mehrheit noch in der letzten Legislaturperiode. Gemacht haben sie daraus nichts – bis auf jenen euphorischen Moment mitten im Wahlkampf, als sie die „Ehe für alle“ gegen den Willen der CDU/CSU durchgesetzt haben. Heute kann man das als ein letztes Aufbäumen einer links-liberalen politisch-gesellschaftlichen Mehrheit lesen, die verloren gegangen ist. Aber was heißt schon verloren gegangen – man könnte auch sagen: verspielt worden ist. Ein Kuriosum der Initiative ist ja, dass hier nun genau jene für ein im weitesten Sinne rot-rot-grünes Bündnis werben, die bis dato solche Projekte in Form von Koalitionen stets kritisiert und, wo möglich, verhindert haben.

Als Argument für die Bewegung werden auch die Entwicklungen in Frankreich und Italien genannt. Doch die politischen Verhältnisse hier und dort sind kaum zu vergleichen. In Italien ist die Cinque-Stelle-Bewegung aus der Entrüstung über völlig korrupte Parteien entstanden. In der Präsidialdemokratie Frankreich haben Parteien vor allem stets dem Ruhm des jeweiligen Präsidenten gedient.

„Aufstehen“ braucht andere Gesichter

In Deutschland aber ist das Parteiensystem in den vergangenen Jahrzehnten ein Garant stabiler demokratischer Verhältnisse gewesen. Das System differenziert sich jetzt vielleicht weiter, ist aber weit entfernt von einem Zerfall. Das spricht nicht gegen die Kraft von Bewegungen. Aber es spricht vor allem dafür, dieses Parteiensystem zu stärken und nicht zu schwächen.

Wenn es gut läuft, kann „Aufstehen“ dazu beitragen, indem sie vor allem in der SPD, aber auch in der Linken neues, über den Tellerrand hinausreichendes Denken beflügelt. Wenn es schlecht läuft, wird sie zur weiteren Zersplitterung des linken Spektrums führen. Vieles wird davon abhängen, ob „Aufstehen“ ein positives Projekt entwickelt, das die Menschen mitreißt und zum Mitmachen treibt.

Es bleibt aber ein Problem: Sahra Wagenknecht ist eine der klügsten und mutigsten Politikerinnen in Deutschland. Aber sie kann nicht einmal ihre Partei so von ihren Ideen überzeugen, dass sie sich hinter ihr versammelt. „Aufstehen“ bräuchte andere Gesichter, die ebenso radikal wie verbindlich, ebenso fantasievoll wie bodenständig, ebenso gut gelaunt wie seriös Menschen davon begeistern können, gemeinsam für Demokratie und Gerechtigkeit aufzustehen. Der Grüne Robert Habeck könnte so einer sein. Der Erfolg von „Aufstehen“ wird sich auch daran messen, ob es gelingt, solche Männer und Frauen zu gewinnen.