Vor einigen Tagen bekam ich Post von einer Leserin. Sie schrieb, dass ihr meine Kolumne nicht gefiele. Ich redete zu viel über Mütterthemen, Hebammenmangel, Kita-Platz-Suche, die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Das seien überwiegend Banalitäten, meinte die Leserin: „Können Sie nicht mal über den Tellerrand gucken?“

Ich habe einen schlauen Kollegen, der fast ausschließlich über die Berliner S-Bahn und die U-Bahn schreibt. Seit Jahrzehnten! Ob ihm auch schon einmal jemand empfohlen hat, über den Tellerrand zu blicken? Ich beantwortete den Leserbrief, ich schrieb, dass es sich um wichtige gesellschaftliche Themen handele. Aber das war nur die halbe Wahrheit.

Angst vor der Mutti-Falle

Wer als Journalistin und Autorin ernst genommen werden will, der vermeidet Themen, die klassischerweise als „weiblich“ gelten: Häuslichkeit, Mutterschaft, Familienleben. Man will nicht in der Mutti-Falle landen – und verdrängt einen Teil der eigenen Identität.

Die Journalistin Antonia Baum sagt, über Mutterschaft zu schreiben, sei schriftstellerischer Selbstmord. Der Schriftstellerin Judith Herrmann riet ein berühmter Kritiker nach Erscheinen ihres Bestsellers „Sommerhaus, später“, sie solle bloß nie Kinder kriegen, sonst würde sie nie wieder etwas zustande bringen.

Themen gelten als eklig und langweilig

Die neue Generation von Autorinnen versucht, beides zusammenzubringen – und stößt dabei an Grenzen. Die amerikanische Schriftstellerin Sarah Menkedick hat an sich selbst beobachtet, wie sie Vorurteile verinnerlicht hat. Als sie ihr Debüt vorstellte, beteuerte sie vor Publikum, dass es in ihrem Buch nicht nur um Mutterschaft, sondern auch um Heimat und Identität gehe.

Die Lebenswelt von Müttern, Kinderbetreuung, Geburtshilfe, Vereinbarkeit, spielten in der Literatur kaum eine Rolle, klagte sie in der LA Times. Diese Themen gelten als eklig und langweilig. Und wenn Frauen es trotz allem wagen, darüber zu schreiben, müssen sie damit rechnen, ignoriert oder verunglimpft zu werden.

„Ein Buch über den Krieg erscheint immer noch wichtiger als ein Buch über die Gefühle von Frauen“, schreibt die Britin Rachel Cusk, die für ihre persönlichen Texte über ihre Familie und ihre Scheidung scharf attackiert wurde. Der Norweger Karl Ove Knausgard, der über ähnliche Themen schreibt, wurde zum Weltstar.

Das Geschlecht spielt eine Rolle

Vielleicht ist es sogar noch schwieriger geworden, über die Ambivalenz des Mutterseins zu schreiben, auch durch die neue Rolle der Männer. Unter modernen Eltern gilt es als selbstverständlich, dass man zumindest im Kleinkindalter eigene Bedürfnisse (der Mütter) zurückstellt. Und wenn Papa jetzt auch noch Windeln wechselt, warum beschweren sich die Frauen immer noch?

Ich dachte an meine Leserin. Hätte sie auch so reagiert, wenn ich ein Mann wäre? Kürzlich las ich bei Zeit Online einen Artikel von einem Kollegen, der über seine Gefühle als Vater schrieb. Man konnte dem Text kaum entgehen, er wurde in den sozialen Medien tausendfach gelobt, geteilt, mit Herzen versehen und Kommentaren wie „So ist es“. Es war ein guter Text, aber mir fielen sofort gute Texte von Kolleginnen ein, die von so einer Resonanz nur träumen konnten.

Wenn Väter über sich und ihre Gefühlswelt schreiben, dann gilt es als etwas Allgemeingültiges, als etwas Hochwertiges. Wenn Frauen über sich schreiben, ist es „Frauenliteratur“, „Brigitte“ oder „banal“.