Die SPD ist abgestürzt, die CDU hat gewonnen, die FDP hat zugelegt. Nordrhein-Westfalen wird anders regiert werden, Martin Schulz und die Sozialdemokraten haben ein Problem, ein großes Problem. Das ist, in aller Kürze, das Ergebnis des Sonntags im Westen der Republik. Ginge es um parteipolitische Arithmetik, könnte man es dabei belassen, die CDU schnell beglückwünschen und die SPD etwas länger bedauern. Das aber wäre langweilig, ein bisschen zumindest.

Denn hinter dem Ergebnis der NRW-Wahl steckt viel mehr, und für Deutschland, für die Deutschen ist es spannend zu sehen, was mit ihrem Land geschehen ist. In wenigen Monaten nur. Wer erinnert sich nicht an die heftigen Demonstrationen gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik, wer erinnert sich nicht daran, dass so viele in Deutschland der Kanzlerin und ihrer Partei keine Chancen mehr gaben bei den anstehenden Wahlen? 

In Dresden marschierte Pegida jeden Montag, und jeden Sonntag fielen die Umfragewerte für die Regierungspolitik, sprich für die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Das Land stand, zumindest in den Kommentarspalten, kurz vor dem Zerreißen oder dem Zerfall, die AfD eilte von Sieg zu Sieg. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erreichte sie Werte, die jenen einer Volkspartei nahekamen.

SPD- und AfD-Stammtische

Dass sich Wahlen noch einmal zwischen den großen alten Parteien, zwischen der CDU und der SPD, entscheiden würden, wer hätte das gedacht? Wer hätte auch gedacht, dass eine liberale Partei wie die FDP in dieser aufgeregten Republik noch etwas zählen würde? Die Reportagen vor der Wahl zwischen Rhein und Weser legten ja nahe, dass in sämtlichen Ruhrgebietskneipen die SPD-Stammtische über Nacht gegen AfD-Stammtische ausgetauscht wurden.

So wie die wirklich wahren Deutschland-Versteher seit der Nacht der Grenzöffnung im September 2015 Angela Merkel auch immer wieder geraten haben, gar nicht mehr zur Bundestagswahl anzutreten. Verstehen wir uns nicht falsch, ich rede nicht davon, dass die Kanzlerin alles richtig gemacht hat mit ihrer Flüchtlingspolitik.

Ich sage auch nicht, dass die gut sieben Prozent für die AfD in Nordrhein-Westfalen vernachlässigenswert sind. So wie es auch manche der Themen der AfD nicht waren, bevor diese Partei sich in Profilneurosen zerlegte. Die Welt und dieses Land sind nicht sicherer geworden.

Wir leben und überleben mit Anschlägen von Islamisten. Wir leben mit rechtsextremen Anschlägen. Aber die Wähler haben ganz offensichtlich einer orientierungslos taumelnden Protestpartei nicht zugetraut, die Probleme zu lösen, die es gibt im Land. 

Sie haben ihre Stimmen den Parteien gegeben, denen sie zwar vorwerfen, nicht immer ihre Interessen zu vertreten, denen sie aber offensichtlich doch noch zutrauen, ein komplexes Land regieren zu können. In welcher Konstellation auch immer.

65 Prozent für SPD und CDU

Gemeinsam haben Christdemokraten und Sozialdemokraten fast 65 Prozent der Stimmen geholt, das ist das eigentlich Erstaunliche. Denn, und das ist auch erstaunlich, das alles ist das Ergebnis eines großen bürgerschaftlichen Engagements. Deutlich mehr Menschen als vor fünf Jahren sind an diesem Sonntag in Nordrhein-Westfalen zur Wahl gegangen. Und diese höhere Wahlbeteiligung hat sich nicht an den Rändern, bei den Extremen, sondern in der Mitte niedergeschlagen. 

Das ist besonders interessant, da es ja in Nordrhein-Westfalen durchaus viele Menschen gibt, die der Strukturwandel in dem einst so industrialisierten Land nicht nur aus der beruflichen Bahn geworfen hat. Dafür ist das Stimme gewordene Protestlager erstaunlich klein, die zähneknirschende Unterstützung der Volksparteien erstaunlich stark. 

Es ist schwer, schon jetzt genau zu ergründen, woraus sich diese neue Stabilität speist. Aber vielleicht spiegelt das Ergebnis die Lage im Land wider, so wie die extremen Wählerstimmen im vergangenen Jahr auch die Stimmung im Land widerspiegelten.

Die Zustände nach der Grenzöffnung in Deutschland waren chaotisch, die Zustände im Frühjahr 2017 sind es nicht, Deutschland ist wirtschaftlich erfolgreich, die Arbeitslosenzahlen niedrig.

Die Grenzöffnung vom September 2015 hat das Land erschüttert, herausgefordert. Aber: Sie hat es nicht gespalten, nicht zerrissen, nicht radikalisiert. Das war lange nicht abzusehen. Aber genau das zeigt sich jetzt, mit allen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten, die bleiben. Es gibt hier kein Le Pen gegen Macron. Am Ende findet die Auseinandersetzung in Deutschland noch immer in der Mitte statt. Das ist gut, für ein Land in der Mitte Europas.