Kommentar zur Radfahrer-Umfrage: Eine gezielte Enttäuschung

Der Zeitpunkt des Online-Dialogs mit den Berliner Radfahrern dürfte damit zu tun haben, dass in irgendeinem Fördertopf noch Geld lag, das im Dezember noch schnell raus musste. Vielleicht wollte Senator Müller auch nachweisen, dass man sehr wohl zu der Bürgerbeteiligung in der Lage ist, die von der Bürgerinitiative für ein gebäudefreies Tempelhofer Feld bei der Stadtentwicklungsverwaltung vermisst wird.

Egal. Gut, dass auf elektronischem Wege noch mal ein paar Tausend Leute darüber diskutiert haben, wo es für Radler gefährlich ist in Berlin. Ein Besuch bei der Verkehrsabteilung der Polizei hätte das gleiche Ergebnis gebracht, dort piksen Polizisten seit Jahr und Tag farbige Stecknadeln in Berliner Straßenkarten, pro Unfall eine. Wo viele Nadeln stecken, ist ein Unfallschwerpunkt.

Dieser Erkenntnisgewinn funktioniert ohne PC, hat aber oft die gleichen Folgen wie die computerbasierte Methode: Wenn keine praktischen und politischen Schlüsse aus der Analyse gezogen werden, ist sie für die Katz. Anders als mit den Polizeistecknadeln wird aber mit der Internetumfrage öffentlich eine Erwartungshaltung geweckt, die sicher enttäuscht werden wird. Kreuzungen umbauen, Ampeln radlerfreundlicher schalten kostet Geld und geht unter Umständen zu Lasten des Autoverkehrs. Nichts für die Große Koalition.

Die gefährlichsten Stellen für Radler brachte die Umfrage natürlich nicht zutage: Es sind diejenigen, wo Radler bei Rot Kreuzungen überqueren, Fahrbahnen gegen die Fahrtrichtung nutzen, ihre moralische Überlegenheit in Sachen Klimaschutz unbeugsam auch gegen abbiegende Lastwagen durchsetzen wollen. Gegen diese Gefahr sind Polizei und Verwaltung machtlos.