Kommentar zur Rigaer Straße: Kann man den Bewohnern die Sperrung zumuten?

Ist ein Umweg von 200 Metern zumutbar? Klar – wer gesund ist, nichts Schweres zu tragen hat, keine quengelnden Kinder an der Hand, der kann  den kleinen Schlenker bewältigen. Wer kaputte Füße hat, schwere Taschen in der Hand oder einen Säugling vor dem Bauch, der ärgert sich zurecht.

Die Bewohner der Rigaer Straße müssen in den nächsten anderthalb Jahren wahrscheinlich viele Kilometer zusätzlich zurücklegen. 19 Monate lang will das Bezirksamt die Straße sperren, nur auf einem kurzen Stück, dafür aber komplett: nicht mal Fußgänger sollen durchkommen. Grund sind zwei gegenüberliegende Baustellen.

Ausgerechnet die Rigaer Straße: Die Bewohner dort haben eigentlich schon genug zu ertragen. Der aggressive Teil der autonomen Szene tut seinen  Protest gegen die Verhältnisse mittels  Vandalismus, Pöbeleien und Gewalt gegen Polizisten kund. Bei den Uniformierten gibt es wiederum eine Tendenz, den Kiez unter Generalverdacht zu stellen – auch  Eltern auf dem Weg zur Kita müssen sich mitunter für die Benutzung des Bürgersteigs rechtfertigen. Und hier soll den Leuten der Weg versperrt werden –  nicht ein paar Wochen oder Monate lang, sondern anderthalb Jahre?

Sicherheitsbedenken der Polizei nicht stichhaltig

Die offiziellen wie inoffiziellen Gründe für die drastische Maßnahme sind dabei samt und sonders hanebüchen. Es stimmt, dass der Baustellenverkehr gefährlich ist. Das gilt in den zwei nun entstehenden Sackgassen aber genau so wie für die Durchfahrt zwischen den Baustellen. Vollkommen unglaubwürdig ist, dass sich die Bauzeit durch die Sperrung um zwei bis drei Jahre verkürzen, also halbieren soll. Es ist eine Zumutung, dass das Bezirksamt die Bürger mit einer solchen Nicht-Erklärung überhaupt belästigt.

Ebenfalls nicht stichhaltig sind die Sicherheitsbedenken der Polizei. Sie befürchtet, die enge Durchfahrt zwischen den Baustellen könne für Hinterhalte genutzt werden. Es ist ein Ärgernis, dass sich die Beamten diese Sorgen machen müssen. Aber in den beiden Sackgassen sind sie kaum sicherer.

SPD-Stadtrat Andy Hehmke hat mit seiner Entscheidung den Unfrieden im Kiez geschürt. Bürgermeisterin Monika Herrmann täte gut daran, jetzt zu deeskalieren. Voriges Jahr berief sie  einen Runden Tisch zur Rigaer Straße ein. Sie hat versprochen, dass er wieder tagen wird. Es wäre Zeit dafür.