Eigentlich sind die Voraussetzungen günstig wie lange nicht. Eine angeschlagene Kanzlerin, die von ihrer Partei allenfalls pflichtschuldig unterstützt wird. Eine in der Flüchtlingspolitik gespaltene Union. Eine zwischen Putin-Treue und Trump-Sympathie irrlichternde Linkspartei. Eine verbürgerlichte Grünen-Partei, deren idealistische Umwelt- und Migrationspolitik Arbeiter und Angestellten kaum erreicht. Dazu ein wachsender Teil der Bevölkerung, der durch Globalisierung und  Digitalisierung verunsichert ist, woraus eine populistische Partei politischen Profit zieht.

Wann, wenn nicht jetzt, wäre die richtige Zeit für eine politische Kraft, die der Aufklärung, der Emanzipation und einem zukunftsorientierten Gestaltungswillen verpflichtet ist? Eine Partei also, die der geistigen und sozialen Abhängigkeit den Kampf ansagt, ohne ihre Anhänger mit verlogenen Heilsversprechen einzulullen? Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Stunde der deutschen Sozialdemokratie? 

Im 20-Prozent-Keller

Doch die SPD stagniert. Seit Jahresbeginn hat die Partei in den Umfragen eher verloren, und selbst der missratene CDU-Parteitag scheint den Genossen nicht aus ihrem 20-Prozent-Keller zu helfen. Neun Monate vor der Bundestagswahl gibt es keine Wechselstimmung im Land. Das liegt auch an der SPD. Der Partei fehlt eine realistische programmatische Alternative zum „Weiter so“ der Kanzlerin: Weder mit dem Evergreen einer Bürgerversicherung noch mit dem abstrakten Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit werden die Genossen die Wähler begeistern. Vor allem aber fehlt ihnen bislang ein Herausforderer. Das wochenlange Zögern und Zaudern in der K-Frage vermittelt kaum das Gefühl von Stärke. Eher konnte man bisweilen den Eindruck eines Schwarze-Peter-Spiels der drei potenziellen Anwärter haben.

Ende Januar nun soll der Kandidat endlich präsentiert werden. Alles hängt davon ab, wie Sigmar Gabriel sich entscheidet. Der Parteichef hat in dieser Legislaturperiode vieles richtig erkannt und dann doch etliches falsch gemacht. Um die mangelnde Kompetenz der SPD beim Thema Wirtschaft und Jobs zu kompensieren, griff er nach dem Wirtschaftsministerium, das ihm dann aber von China-Geschäften bis Waffenexporten fast ausschließlich unliebsame Themen einbrockte. Den richtigen Einsatz gegen nationale Abschottung und für faire Handelsregeln konterkarierte er durch ein vorschnelles Plädoyer für TTIP. Früh erkannte Gabriel das gesellschaftliche Bedürfnis nach einer stärkeren sozialen Absicherung. Mit der kopflos-überzogenen Debatte über Altersarmut befeuerte er dann selbst die Ängste, ohne eine Lösung anbieten zu können.

Unsichere Kanzlerqualitäten

Gabriels Sprunghaftigkeit hat ihn in der Bevölkerung und der Partei viel Sympathien und Glaubwürdigkeit gekostet. So lässt sich auch der Hype verstehen, der seit einigen Wochen um Martin Schulz entbrannt ist: Der scheidende Präsident des EU-Parlaments dient manchem Gabriel-Kritiker quasi als positive Projektionsfläche. Dem Mann aus Würselen, der sechs Sprachen spricht, sein fehlendes Abitur vorzuwerfen, ist dünkelhaft und lächerlich. Ernsthaft stellt sich aber die Frage, was den temperamentvollen Rheinländer strukturell von Gabriel unterscheidet. Dass Schulz zudem innenpolitisch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt ist, würde für eine Kandidatur zumindest ein Risiko darstellen.

Noch wichtiger ist die Frage, ob sich unentschlossene Wähler bei einer weiter zugespitzten Weltlage im Herbst 2017 wirklich einen Alpha-Mann wie Gabriel oder Schulz im Kanzleramt wünschen. Manch einer dürfte eher zur nüchtern-kühlen Amtsinhaberin tendieren. Vom Typus kommt ihr in der  sozialdemokratischen Kandidaten-Riege der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz am nächsten. Effizient und geräuschlos regiert er seine Heimatstadt und kultiviert sein minimalistisches Macher-Image. Scholz hat das Zeug und das Selbstbewusstsein für größere Aufgaben. Aber seine Truppen in der SPD sind überschaubar, und im Gegensatz zu Gabriel oder Schulz kann er keinen Parteitag in Rage reden.

Zwei gute Wahlkämpfer mit unsicheren Kanzlerqualitäten, ein mutmaßlich guter Kanzler mit mangelhafter Kampagnenfähigkeit –  bei der K-Frage bleibt der SPD nur die Wahl des kleineren Übels. Euphorische Begeisterung wird sie mit der Bekanntgabe der Personalie kaum entfachen. Das ist bei Merkel zwar ähnlich. Doch die sitzt schon elf Jahre im Kanzleramt. Den Genossen hingegen müssen in den nächsten Monaten ein paar ziemlich gute Gründe einfallen, weshalb die Wähler im Zweifel nicht am Bewährten festhalten sollen.