An diesem Wochenende ist die Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale zum letzten Mal in der Gestalt zu sehen, die ihr in den 50er-Jahren der Architekt Hans Schwippert und viele, durchweg erstklassige Künstler aus der damaligen DDR und der damaligen Bundesrepublik gaben. Dann beginnt der Radikalumbau. Allenfalls einige Kunstgegenstände werden mitgenommen in die zukünftige St.-Hedwigs-Kathedrale. Dabei bestreiten inzwischen nicht einmal mehr diejenigen, die im Erzbistum die Zerstörung dieses in Deutschland einmaligen Ensembles seit mehr als einem Jahrzehnt mit aller Kraft vorangetrieben haben, seine Bedeutung – ohne aber deswegen von dem einmal eingeschlagenen Pfad auch nur einen Millimeter abzuweichen.

Es geht ihnen nur um den liturgisch-katholischen Raum St.-Hedwig, nicht aber um das gesellschaftshistorische Zeugnis, das jeder Kirchenbau auch ist. Nach dem Krieg stand hier nur noch der ausgeglühte Mauerkranz. Um ihn wieder zu einer Kathedrale werden zu lassen, vereinte sich einst der gesamtdeutsche Katholizismus. Es entstand ein vollkommen neues Kunstwerk. Dass dieses nach mehr als drei Generationen im Detail überarbeitet wird, dass neue Ideen sich ausdrücken wollen, ist normal. Aber die Radikalität, mit der in Berlin vorgegangen wird, sucht ihresgleichen: Es wird so getan, als wenn dieser Bau durch Krieg, Brand oder Naturkatastrophen zerstört worden sei. Dabei müsste die Kathedrale nach aller aktuellen Kenntnis eigentlich nur saniert werden.

Kirchenbauten sind Zeugnis der Geschichte

Das, was in der St.-Hedwig-Kathedrale geschehen wird, würde einer anderen Institution kaum genehmigt werden. Es gibt aus gutem Grund, nämlich der Verwaltungseffizienz und der Religionsfreiheit wegen, Sonderregelungen im Denkmalrecht für die Glaubensgemeinschaften. Und doch wäre es gut gewesen, Kultursenator Klaus Lederer hätte es in diesem Fall auf den Prozess ankommen lassen – und sei es nur, um zu demonstrieren, dass der Staat auch im Denkmalrecht keine Filiale der Kirche ist.

Was gab es nicht alles für Symposien, wie oft hat sich der Landesdenkmalrat dem Thema St.-Hedwig gewidmet, für das Landesdenkmalamt zeigte die Kunsthistorikerin Sabine Schulte in einem klugen Heft, warum dieser Raum in wirklich jeder Beziehung von herausragender Bedeutung ist. Schließlich ging sogar Landeskonservator Jörg Haspel mit in die Jury des Wettbewerbs, um das Schlimmste zu verhindern. Nichts half, das Schlimmste wird geschehen – jedenfalls aus der Sicht aller derjenigen, die Kirchenbauten nicht nur als Hülle der Liturgie, sondern als Zeugnis der Geschichte betrachten.

Eine karge Zeit soll vergessen werden

Nun soll, der Mode folgend, ein ästhetisch überaus edel-asketischer Raum entstehen – sehr ähnlich der skandalösen Bischofsresidenz in Limburg. Auch in Berlin ist die Behauptung von Erzbischof Heiner Koch, man baue nur, was bezahlt werden könne, schlichtweg Augenwischerei: Es soll tief die Statik des Gebäudes eingegriffen werden, es sollen unterirdische Bauten stattfinden, alle Oberflächen erneuert werden. Wenn dann neue Kostenfaktoren auftauchen, wird auch Koch den Umbau nicht mitten in der Arbeit stoppen können und zahlen müssen. 60 Millionen Euro sind da sehr knapp kalkuliert.

Der nun beginnende Radikal-Umbau von St.-Hedwig gleicht einem anderen, auf den ersten Blick ästhetisch durchaus gegensätzlichen Projekt: Dem immer vehementer geforderten Umbau der Frankfurter Paulskirche. Auch sie war nach dem Krieg ausgebrannt und wurde nach den Plänen von Rudolf Schwarz in kühlen Formen als Feierhalle der jungen Bundesrepublik wieder aufgebaut. Nun soll sie wieder wie zu Zeiten der Nationalversammlung von 1848 aussehen, mit Säulen und Emporen. Noch wehrt sich die Denkmalpflege, vielleicht hilft das Berliner Desaster ihr.

Denn in beiden Fällen geht es letztlich darum, eine karge Zeit vergessen zu machen, in der die Deutschen aus der Verbindung von Schuldbewusstsein, Mut zur Reue und Lust an moderner Gestaltungskraft einen kulturell, politisch und sozial grundsätzlich neuen Weg beschritten. Eine Botschaft, deren Zeugen wir gerade in Zeiten grassierenden Nationalismus eigentlich dringend brauchen.