Berlin - Die Frage ist: Wen muss der Fußballklub Hertha BSC am meisten davon überzeugen, dass er nicht mehr zur Miete wohnen, sondern lieber in ein Eigenheim ziehen will? Wie es viele von uns ja schon tun, noch wollen oder gern wollen würden. Also, wen jetzt? Sich selbst? Seine Fans? Die Konsumenten? Einen Innensenator? Oder asiatische Investoren?

Drohung oder Versprechen?

Donnerstag macht Hertha ein seit Jahren und je nach sportlicher und wirtschaftlicher Gemengelage mehr oder weniger nachdrücklich formuliertes Versprechen wahr. Manche verstehen das auch als Drohung. Donnerstag jedenfalls stellt die Klubführung eine Machbarkeitsstudie vor, die Standorte in Berlin und ja, auch in Brandenburg benennt, an denen eine Arena gebaut werden könnte. Im Umzugsfall müsste sich das Olympiastadion dann in frühestens acht Jahren einen neuen Hauptmieter suchen. Und falls Interesse besteht: Hertha zahlt aktuell 5,25 Millionen Euro pro Jahr an eine kommunale Betreibergesellschaft.

Im Sommer wird Berlins erfolgreichster Fußballklub 125 Jahre alt. Und weil so ein schönes Jubiläum schon mal dazu verleiten kann, zunächst tief in die eigene Vergangenheit zu blicken, um danach, in einer auf Chancen und Risiken abgeklopften Gegenwart, über eine große Zukunft zu sprechen, ist das Stadionthema von herausragender Bedeutung.

Endlich das Gras riechen

Hertha will endlich auch so einen modernen Fußballtempel haben, in dem die Zuschauer das Gras riechen und in weniger als fünf Minuten Fußweg eine Toilette erreichen können, einen echten Hexenkessel, in dem sich die Stimmung unter einem lückenlosen Dach zusammenbraut und nicht, ohne einen die Spieler antreibenden Zauber entfaltet zu haben, hinausgepustet wird vom Wind. 

Auch deshalb begreift Hertha das seit dem Bundesligagründungsjahr 1963 bestehende Mietverhältnis als  Wettbewerbsnachteil. Allerdings hat dieses Neubauargument zuletzt arg an Kraft verloren. Die Mannschaft hat in der laufenden Saison zehn von zwölf Heimspielen gewonnen.  Das schaffte nicht mal der FC Bayern.

Ein Stadionauszug, wie ihn der deutsche Serientiteltäter vor zwölf Jahren vorgemacht hat, ist eine unsichere Wette. Hertha wettet ja vor allem darauf, dass den sportlichen Hochs und Tiefs und Hochs und Tiefs mal eine stabile Großwetterlage folgt.

Irgenwann Gewinn machen

Bei Sonnenschein betrachtet sollen die Gewinne, die das Fußballgeschäft so zuverlässig erwirtschaftet wie kaum eine andere Branche, in der Klubkasse landen. Irgendwann, nachdem die externen Geldgeber ihr Engagement ausreichend rückfinanziert haben. Und diese Geldgeber braucht Hertha dringend, um den Steuerzahler nicht zu brauchen. Zur Erinnerung: Die aufwendige Modernisierung des Berliner Olympiastadions vor der Weltmeisterschaft 2006 hat 282 Millionen Euro gekostet.

Ein Fußballstadion ist aber mehr als nur ein auf  Profite ausgerichteter Veranstaltungsort, es ist vielen eine Heimat. Einige haben keine zweite. Die Ostkurve im Olympiastadion ist deshalb mehr als nur ein treuer Fanblock, sie ist ein Gefühl. Und was fühlt so jemand, der seinen womöglich seit Jahrzehnten angestammten Platz zwangsräumen muss? Der vielleicht nicht versteht, warum Hertha die Change Manager ins Haus gelassen hat, um das Image und die Vereinskultur zu verändern?

Die Fans reden mit

Der Zeitpunkt, um bei den Fans für ein Umzugsverständnis zu werben, könnte schlechter nicht sein. Die im Namen der Tradition und Fußballromantik um ein bisschen Mitbestimmung kämpfende Anhängerschaft hat die regelmäßigen und regelmäßig guten Gespräche mit den Klubbossen vor ein paar Wochen ausgesetzt.

Wenn bei der Mitgliederversammlung im Mai die heutige Machbarkeitsstudie zur Diskussion gestellt wird, muss die Spitze mit Widerstand an der Basis rechnen. Vor allem dann, wenn das dicke B in BSC für Brandenburg stehen könnte. Es ist für den Verein zu hoffen, dass er trotz der besten Bauabsichten genügend Restzweifel hat, die so ein Großprojekt in einem vernünftigen Rahmen halten.

Brandenburg? Bloß nicht!

Es wird spannend sein, zu beobachten, wie die Fans und die, die es mal werden könnten, diesen Rahmen mit ihren Wünschen füllen wollen. Am spannendsten ist allerdings die Frage, wie Hertha die Stadt Berlin davon überzeugen will, ein Grundstück für einen Neubau zur Verfügung zu stellen.
Die Ankündigung, notfalls auch außerhalb der Stadtgrenzen zu bauen, ist bis zum Beweis des Gegenteils als reiner geostrategischer Winkelzug abzutun.

Im Grunde will der Klub ja ein Berliner bleiben, und am liebsten will er auch nur ein paar Hundert Meter weiter ziehen. Das Gelände rund um das Olympiastadion ist nicht gerade dicht bebaut. Für ein Eigenheim wäre da jedenfalls noch Platz.