Charlotte Lindholm war nicht gut in Form. Erst wurde die Tatort-Kommissarin (Maria Furtwängler) zu Beginn der Ausgabe vom Sonntag infolge einer Kneipenrangelei brutal zusammengeschlagen, und dann geriet sie auch noch in einen subtilen Konkurrenzstreit mit einer ehrgeizigen jungen Kollegin. Der Büroalltag, soll das wohl heißen, dominiert auch die Verbrechensaufklärung. Die derangierte TV-Kommissarin stand auch sonst nicht gut da.

Der „Tatort“ aus Hannover behandelte diesmal einen kniffligen Entführungsfall, zu dem die Drehbuchautoren als besondere Pointe zu guter Letzt auf eine Auflösung verzichteten. Der verdächtigte Ehemann nahm sich in der Untersuchungshaft das Leben, aber es blieb ungeklärt, ob er tatsächlich etwas mit der Entführung und Ermordung seiner Gattin zu tun hatte.

Komplexe Medienwirklichkeit

Der Einbruch der realen Gewalt in die komplexe Medienwirklichkeit vollzog sich am unteren Bildrand. Die Zuschauer mochten noch über Schuld und Verdacht grübeln, als eine abrupt eingeblendete Nachrichten-Eilmeldung über einen Anschlag in Texas die gepflegte Sonntagsspannung unterbrach. Und weil in der digitalen Welt nichts einfach so passiert, sah sich die ARD am Sonntagabend nach einer Protestwelle in den sozialen Medien dazu gedrängt, sich eiligst für die außergewöhnliche Nachrichtenübermittlung zu entschuldigen.

Schwer zu sagen, was genau den Ärger der Fernsehzuschauer hervorgerufen hatte. Vielleicht war es der Zusammenprall eines plötzlich hereinbrechenden Gewaltakts mit der minutiösen Beschreibung eines fiktiven Verbrechens. Tatsächlich scheinen sich Nachrichtenredaktionen längst im Modus einer permanenten Terrorerwartung befinden. Das Bedürfnis, nichts verpassen zu wollen, hat die Bereitschaft heraufgesetzt, den Schrecken ganz unmittelbar auf Sendung zu schicken. Schnelligkeit ist aber oft das genaue Gegenteil von Aufklärung.