Allmählich scheint auch in Berlin den politisch Verantwortlichen zu dämmern, dass die Zuwanderung von Flüchtlingen nicht mehr „im Normalmodus zu bewältigen“ ist, wie es Angela Merkel zutreffend formulierte. Am Sonntag riefen alle Abgeordnetenhausparteien von Piraten bis CDU gemeinsam (was nicht häufig vorkommt) zu Solidarität mit den Schutzsuchenden auf und verurteilten Gewalt gegen Asylunterkünfte. Das ist eine wichtige Bekundung in der Abteilung Willkommenskultur, die sich im Vergleich zu früheren Zuwanderungswellen erfreulich entwickelt hat.

„Berlin kann diese Aufgabe meistern"

Aber Willkommenskultur bleibt nur eine hohle Phrase, wenn Berlin nicht auch flugs eine tragfähige Willkommenskompetenz entwickelt. Dieses gruselige politische Spiel mit den Flüchtlingen vom Kreuzberger Oranienplatz, wo der Bezirk „Refugees Welcome!“ rief und dann in unseliger Liaison mit dem Senat die Menschen alleine ließ, darf sich nicht in städtischem Maßstab wiederholen.

Es werden aller Voraussicht nach nicht nur in diesem Jahr bis zu eine Million Flüchtlinge nach Deutschland (und Zigtausende nach Berlin) kommen, sondern auch in den Jahren darauf. Denn weder in Syrien noch in den Failed States Afrikas wird alsbald der ewige Frieden ausbrechen. „Berlin kann diese Aufgabe meistern,“ schreiben die Parteichefs in ihrer Erklärung. Davon ist angesichts des Chaos beim Lageso wenig zu sehen.

Berlin wird eine menschenwürdige Unterbringung und Integration der Zuwanderer nur schaffen, wenn es jetzt den Normalmodus verlässt. Das gilt vor allem beim Thema Wohnungen, für temporäre wie dauerhafte. Es müssen viel mehr neu gebaut werden als geplant. Und zwar schnell und möglichst in gut erschlossener städtischer Lage. Also auch und gerade auf dem Tempelhofer Feld. Es ist groß, es ist frei, es gibt Planungen für eine Randbebauung. In der Sache spricht jetzt alles dafür, sie zügig umzusetzen.

Dagegen spricht der Volksentscheid für die Freihaltung des Feldes. Aber er wurde in Zeiten verabschiedet, als die dramatische Entwicklung der Fluchtbewegung so nicht abzusehen war.

Das wohlgenährte Lifestyle-Publikum

In normalen Zeiten wäre es gewiss ein Skandal, wenn das Abgeordnetenhaus das Volksgesetz für die Freihaltung kurz darauf ändern würde. Aber es gibt eine neue Lage. Deshalb ist es geboten, dass das Parlament, das schneller auf neue Entwicklungen reagieren kann als die schwerfällige direkte Demokratie, seine Verantwortung wahrnimmt und die Voraussetzungen schafft, dass das Tempelhofer Feld, das derzeit eine luxuriöse Spielwiese fürs Lebensgefühl ist, zumindest teilweise zu einem Ort wird, an dem das grundlegende Lebensbedürfnis Wohnen erfüllt wird.

Der Senat erwägt, wie berichtet, Tausende Flüchtlinge notdürftig in den Hangars des alten Flughafens Tempelhof unterzubringen, angeblich nur vorläufig. Dann ist es geradezu obszön, den in alte Flugzeuggaragen gepferchten Flüchtlingen draußen ein riesiges Gelände vorzuführen, auf dem sich wohlgenährtes Lifestyle-Publikum raumfressenden Trendsportarten von Biking bis Kiting hingibt – und das auch noch mit allerlei Bänkchen und Bäumchen aufgehübscht werden soll. In Tempelhof sollte alsbald Schluss mit lustig sein. Wer den weiten Blick zum Horizont braucht: Mit der U8 und Bus 277 von Tempelhof an den Marienfelder Stadtrand fahren, da gibt es reichlich davon.