Zum Glück haben Behinderte in Deutschland eine starke Lobby. Gesellschaft und die Politik strengen sich an, damit es den Schwachen möglichst gut geht. Wäre diese humane Grundhaltung gestört, müsste man sich sorgen. Ist sie aber nicht.

Nun hat das Begehren der AfD-Fraktion im Bundestag, über Behindertenzahlen unter Migranten informiert zu werden, eine heftige Reaktion von 18 Sozialverbänden hervorgerufen.  Diese behaupten per Anzeige, die Anfrage erinnere an „die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte, in denen Menschen mit Behinderungen das Lebensrecht aberkannt wurde und sie zu Hunderttausenden Opfer des Nationalsozialismus wurden“.

Junge Leute als Leidtragende

Tatsächlich legt die Anfrage der nach Rassenreinheit  trachtenden AfD bösartige Motive nahe. Diese Partei tritt unverhohlen islamfeindlich auf, bekämpft Migration. Daher riecht vor allem der zweite Teil der Anfrage ranzig.

Da erkundigt man sich nach durch Heirat innerhalb der Familie hervorgerufen Schädigungen im Zusammenhang mit dem  Migrationshintergrund. Doch ändert dieser üble Ruch nichts am realen Problem, unter dem eine Gruppe leidet, die keine Lobby hat: Mädchen und Jungen aus muslimischen Familien.

Verdoppeltes Risiko

Zunächst einige Fakten: In jeder Schwangerschaft, auch wenn die Eltern nicht blutsverwandt sind, besteht eine statistisch ermittelte Wahrscheinlichkeit von zwei bis vier Prozent, dass ein behindertes oder mit einer Erbkrankheit belastetes Kind zur Welt kommt.

Im Fall blutsverwandter Paare zweiten Grades (Cousin-Cousine) verdoppelt sich das Risiko, weil der Anteil identischer Erbanlagen, die von gemeinsamen Vorfahren stammen, höher liegt. Gestützt auf Erfahrungen aus seiner Berliner Praxis für Geburtshilfe sagte der Pränataldiagnostiker Ömer Kilavuz in einem Kontraste-Interview: „Sechs bis acht Prozent Risiko in diesen Familien, das ist enorm hoch.“

Das bedeutet zunächst nichts, jeder hat das Recht, Risiken einzugehen. Solche Ehen sind nicht verboten. Sie kommen  hierzulande sehr selten vor – in bestimmten Gruppen allerdings gehäuft. Nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung war 2010 etwa jede vierte türkischstämmige Frau mit einem Verwandten verheiratet.

Verdoppelte Suizidraten

Die Anfrage der AfD könnte also sachlich beantwortet werden. Stattdessen ist es der Partei wieder gelungen, Aufregung zu erzeugen, indem sie ein tabuisiertes, sträflich vernachlässigtes  Feld betritt. Die Opfer der Vernachlässigung sind aber nicht Behinderte, sondern Mädchen und Jungen in Familien, die Generation um Generation die Blutsbande eng und den Besitz beieinander halten.

Das ist Teil eins des eigentlichen Skandals: Den jungen Leuten wird das Wissen um die Risiken vorenthalten. Nichts gegen Entscheidungen informierter Erwachsener in eigener Sache, freiwillig ohne Druck getroffen.

Das führt zum Kern: Verwandtenehen werden nur ausnahmsweise freiwillig geschlossen. Meist entscheiden Familien  über die  Betroffenen hinweg. Wagen diese Widerspruch, stürzen sie in Konflikte. Wundert sich jemand, dass die Suizidraten türkischer Mädchen doppelt so hoch liegen wie die deutscher? Selbstbestimmte Partnerwahl gehört  zur Würde des Menschen. Doch bislang verschließt die Gesellschaft die Augen vor dieser Verzweiflung in der Mitte unserer Gesellschaft.

Forschung blockiert

Die Anzeige der Sozialverbände erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ebendort las man 2011 eine Recherche über die Tabuisierung von Erbkrankheiten in Verwandtenehen.

Berichtet wurde von der Sozialwissenschaftlerin Yasemin Yadigaroglu, die versuchte, in Schulen über erzwungene Cousin-Cousinen-Ehen aufzuklären und auf massive Proteste von Eltern und religiösen Gemeinden stieß. Jugendliche – türkische, griechische, tamilische, alevitische –  vertrauten ihr an, sie seien einem Verwandten versprochen.

Die Forscherin erhielt Preise und  Drohungen. Sie gab auf. Die Dissertation zum Thema kam nicht zustande. Wissen aber wäre Macht über unhaltbare Zustände. Daher die Bitte: Erbarmt euch der Schwachen und überlasst das Thema nicht der AfD.