Zernitz-Lohm Hat er bei der vorigen Wahl nun 70 Prozent oder 85 Prozent der Stimmen erhalten? Jörg Kusserow weiß es nicht mehr so genau. 70 Prozent, glaubt er. 85 Prozent, glaubt seine Frau. Es ist auch nicht so wichtig. „Jedenfalls bin ich nicht ganz unbeliebt“, sagt der ehrenamtliche Bürgermeister von Zernitz-Lohm, einem Prignitz-Dörfchen mit 883 Einwohnern an der Eisenbahnstrecke Berlin-Hamburg. Vielleicht würde Kusserow auch erneut so ein schönes Ergebnis erzielen bei den Kommunalwahlen am 25. Mai – wenn er denn wieder antreten würde. Aber Kusserow will nicht mehr. 22 Jahre sind genug. Das Problem ist: Sonst will auch keiner. „In all den Jahren hat sich nie jemand beworben“, sagt Kusserow.

Es droht der Zwangsanschluss

Jetzt, da er sich mit 58 Jahren zurückziehen will, bleibt sein Amt vakant. Zernitz-Lohm ist eine von vier Gemeinden im Land Brandenburg, wo sich niemand für das Amt des Bürgermeisters interessiert. Und das kann Konsequenzen haben: Gelingt es den Gemeindevertretern nicht, nach der Wahl einen Bürgermeister aus ihren Reihen zu bestimmen oder einen Bürger des Ortes zum Amtsträger zu küren, dann droht der Zwangsanschluss an die nächstgelegene größere Gemeinde, in diesem Fall Neustadt/Dosse. Mit der Unabhängigkeit von Zernitz-Lohm wäre es dann vorbei – 690 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung.

Ein bisschen kann Jörg Kusserow verstehen, dass niemand das Amt übernehmen will. „Eigentlich kann das nur jemand machen, der im öffentlichen Dienst arbeitet“, sagt er. Er selbst ist Lehrer, an den Nachmittagen hat er frei, und oft braucht er sie. Alle zwei Wochen hat er Sprechstunde, er vertritt die Gemeinde beim Amt, er gehört der Gemeindevertretung an, er rückt aus, wenn irgendwo ein Sandhaufen auf der Straße liegt und ein Bürger findet, dass die Gemeinde ihn wegmachen muss.

Und er gratuliert den Senioren zu ihren runden Geburtstagen, ab dem 85. sogar jedes Jahr. Diese Anlässe werden häufiger. Neunzigste Geburtstage waren früher eine seltene Ausnahme, sagt Kusserow. Inzwischen feiert er regelmäßig einen mit.
Die Überalterung dürfte ein Faktor sein, weshalb das Interesse an politischem Engagement in Zernitz-Lohm verhalten ist. Gerade einmal 16 Kandidaten bewerben sich um die zehn Plätze in der Gemeindevertretung.

Jan Jakobs tritt an, will aber kein Mandat

Immerhin streben sie tatsächlich ein Amt an. Denn das, was es auf dem flachen Land zu wenig gibt an politischem Engagement, das gibt es andernorts zu viel. So steht beispielsweise Kusserows Amtskollege Jann Jakobs (SPD) in der Kritik. Er ist Oberbürgermeister von Potsdam und wurde in diesem Amt bei der Wahl 2010 bestätigt. Trotzdem tritt er bei der Kommunalwahl für die Stadtverordnetenversammlung an. „Ihr Kandidat für uns“, steht auf den Plakaten. Jakobs wird bestimmt gewählt, aber die Wahl will er nicht annehmen. Denn dann müsste er seinen Sessel im Rathaus räumen. Er lässt sich wählen, um sein Mandat einem Nachrücker zu überlassen. Als Oberbürgermeister gehört er dem Stadtparlament nämlich ohnehin an.

Jakobs findet seine Kandidatur ganz normal. Er wolle schließlich eine Mehrheit für die SPD. Er ist auch nicht der einzige, der gar keinen Sitz anstrebt. Auch die Landräte des Havellands und von Oberhavel sowie die Oberbürgermeisterin von Brandenburg/Havel stehen auf den Wahllisten.

Manche Beobachter fordern bereits eine Änderung des Wahlrechts. Durchführbar ist das allerdings nicht. Das passive Wahlrecht ist im Grundgesetz verankert und kann auch hauptamtlichen Mandatsträgern nicht einfach entzogen werden.